Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 2 (Januar 1903)
- Article
- Die Sibylle im Heidentum, Judentum und Christentum
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 125 - 126 (sequence 8)
- Language
- German
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125 Dr. Tobias Cohn: Die Sibylle im Heidentum, Judentum und Christentum. 126 Juden, so nahm er jetzt auch als „Antichrist" seinen Platz bei den Christen ein und galt ihnen als Vorbote der Wiederkunft Christi. Hier nun liegt der Antrieb zu einer Schrift, die bald nach dem Tode Nero's verfasst wurde, um die Christen zum Ausharren in dieser fürchterlichen Schreckenszeit zu ermutigen und im Glauben zu stärken. Es ist die Apokalypse des Johannes. Zweifellos übernimmt um diese Zeit die christliche Sibylle ihr Amt, zu welchem sie in derselben Weise, wie die jüdische, ihre Autorität aus dem grauen Alterturne herleitet. Ihre erste Prophetie ist vielleicht der in dem 6. Buche der Sibyllinen enthaltene christliche Hymnus, der erweislich zur Zeit der Zerstörung Jerusalems geschrieben wurde. Prophetisch verbreitet sich die Sibylle über die römischen Kaiser17) seit Augustus bis Septimius Severus (196), spricht über Altes und Neues, kehrt aber immer wieder zu den religiösen Orakeln zurück, lenkt den Blick auf Christus und dessen göttliche Natur und fordert zum Ausharren in aller Not und Drangsal auf. Und wahrlich, die Sibylle hatte Grund, ihre Gemeinde vor Wankelmut und Abfall zu schützen und in ihrer niedrigen, verächtlichen Stellung aufzurichten. Denn viele Leiden und Drangsale erschwerten den Christen ihre Glaubenstreue, viele Schrecken und Trübsale brachen ihren Glaubensmut! Zehn Christenverfolgungen von Nero bis Diocletian, in einem Zeitraum von dritthalb Jahrhunderten, zählen die christlichen Schriftsteller des vierten und fünften Jahrhunderts, und wer möchte es glauben, hochgebildete, hochangesehene aufgeklärte Männer zollen diesen Verfolgungen ihren vollen Beifall. Tacitus,18) der gefeierte Geschichtsschreiber, meint von der Neronischen Verfolgung, sie sei zwar nicht aus Sorge für das Staatswohl, sondern durch Grausamkeit des launischen Herrschers entstanden; jedenfalls aber hätten die Christen diese exemplarische Exekution verdient. Sueton ferner,19) der vielgelesene Biograph, bezeichnet diese Verfolgung als eine der Ruhmesthaten Nero's. Unter Trajan und dessen Statthalter Plinius dem Jüngern (98—117) genügte schon der blosse 17) Sibyllinen 8. und 10. Buch. 18; Tac. annal. 15, 44. 19j Suet Nero. 16. Christenname,20) seinen Träger verdächtig und verächtlich zu machen und ohne Untersuchung der Schuldsache zum Tode zu führen. Seitdem sind fast 2 Jahrtausende verflossen. Religion und Sitte, Wissen und Bildung stehen heute auf einer höheren Stufe. Aber welch' klägliches Schauspiel bietet sich uns dar! Die Enkel derer, welche damals unschuldig verfolgt wurden, scheuen sich heute nicht, ihrerseits gleiches Unrecht gegen Unschuldige zu begehen, mit denen sie, zumal durch den Bruderglauben geeint, friedlich zusammenleben sollten in Wahrheit und Treue. Auch jetzt noch wäre die strafende Sibylle an ihrer Stelle. Zu den spätesten Orakeln der christlichen Sibylle gehören, wie es scheint, diejenigen des Messiasreichs. Dort prophezeit sie, dass die Sonne ewiger Gnade der Menschenwelt leuchten und der letzte, heiligste Zweck des Menschen sich in einem ungetrübten, reich beseeligten Frieden offenbaren werde, der die gesamte Menschheit in Eintracht und Gemeinschaft eint auf dem Boden des geheiligten Messiasreichs. Ein Gefühl der Beglückung erfüllt den denkenden Menschen, wenn er über allen Schwächen und Gebrechen des Erdenlebens, über alle Scheidung und Trennung, eine Zukunft leuchten sieht, in welcher die ganze Menschheit in einem Zustande seelenvoller Innigkeit und Zufriedenheit, in einem Zustande gehobener Veredlung geeint sein wird. Die Propheten des alten Testaments haben diese Zukunft geweissagt, die Apostel des Neuen Testaments haben sie gelehrt, die Sibylle des Judentums wie des Christentums hat darauf hingewiesen. Und noch heute vermag des Menschen Geist keinen höheren Gedanken zu denken, sein Herz kein schöneres, heiligeres Gefühl zu bergen, seine Sprache nichts Edleres auszudrücken, als Friede, Versöhnung und treue Gemeinschaft der Getrennten und einander Entfremdeten. So möge er denn kommen, der Tag des Messiasreichs, wo alle Menschen, im Bruderbund der Liebe und Treue, der Wahrheit und Gerechtigkeit geeint, gemeinsam arbeiten am Tempel der Wissenschaft und Erkenntnis, der Bildung und Gesittung, gemeinsam arbeiten an den höchsten Kulturzwecken der Geschlechter. 20) Plin. ep. X, 97, 98. — Vgl. die Schriften der Apologeten, besonders des Athenagcras. EINE JUDISCHE MUTTER. Von J. Berschadski. Aus dem Hebräischen. In Einsamkeit und Verlassenheit gingen ihre letzten Lebensjahre dahin, sogar als sie auf dem Krankenbette lag, das ihr Sterbelager werden sollte, fand sich keiner ihrer Verwandten ein, um ihr beizustehen. Keiner erschien, um ihr eine Thräne nachzuweinen und ihr zur letzten Ruhe das Geleite zu geben. Kein Familienmitglied war da, um an dem frischgeschaufelten Hügel das erste „Kaddisch" zu sagen. Nur ich und meine Frau waren die einzigen Bekannten ihrer letzten Lebensjahre, wir pflegten sie in ihrer Krankheit und wir allein betteten ihre Ueberreste in die Erde, unsere Thränen fielen einsam auf das frischgeschaufelte Grab dieser vergessenen