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Ost und West · 1903-01-01 · Heft 2 (Januar 1903) · p. Seite 119 - 120

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Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 2 (Januar 1903)
Article
Die Sibylle im Heidentum, Judentum und Christentum
Date
1903-01-01
Page
Seite 119 - 120 (sequence 5)
Language
German
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119 Dr. Tobias Cohn: Die Sibylle im Heidentuni, Judentum und Christentum. 120 Ende der Zeiten zu eröffnen. Der fromme Verfasser dieses Buches lebte und schrieb zur Zeit der Leiden unter Antiochus Epiphanes, that dies jedoch unter dem Namen eines Autors, der vier Jahrhunderte früher, zur Zeit des babylonischen Exils, gelebt, um seiner Schrift grössere Autorität zu sichern. Das Buch Daniel wurde mit Spannung gelesen, und wie eine Stimme aus längst entschwundener Zeit prophetisch die Gegenwart durchbebt, so wirkte das Buch Daniel heilvoll zu seiner Zeit im Dienste des Glaubens. Im Widerschein dieses apokalyptischen Buches nun zeigte sich das eigentliche Wesen und Erkennungszeichen der „sibyllinischen Weissagungen." Die Verfasser derselben lebten und schrieben in der Zeit, auf deren Glauben und Sitte sie bessernd einwirken wollten, umgaben sich jedoch mit dem Nimbus eines hohen Alters, um grössere Autorität für sich in Anspruch zu nehmen und deren gewiss zu sein. Die Sibylle zeigte sich im tiefen Halbdunkel einer frühen Vergangenheit und traute sich von dort aus die Sicherheit zu, mit kühner Schrift und Rede Gottlosigkeit und Sündhaftigkeit der Völker zu geissein, Gottglauben und Frömmigkeit der Juden zu rühmen, Jenen Strafe und Schrecken, Diesen Belohnung und Herrlichkeit zu verheissen. Sie nannte sich ein hehres Wesen, das mit hellem Auge die Dinge der Vorzeit erkannte, was damals war und in Zukunft sein wird, mit ungetrübtem Blicke schaut und deshalb vermögend ist, das Schicksal der Länder und Völker vorauszusagen, deren Grösse und Fall prophetisch zu verkünden, die Persönlichkeit und Regierung der späteren Herrscher im Voraus zu schildern und auf die kommenden Erscheinungen und Störungen in den Kräften der Natur hinzuweisen. Thatsächlich stammen die hier in Rede stehenden „sibyllinischen Weissagungen" danach nicht aus nebelhafter Vorzeit, sondern aus neuerer Zeit, frühestens aus der Makkabäerperiode; sie beziehen sich ferner thatsächlich nur auf Geschehnisse, die entweder schon gewesen oder deren Eintreten mit höchster Wahrscheinlichkeit und sicherer Vermutung erwartet werden konnte. Die Weissagungen waren Täuschungen, vaticinia post eventum, Weissagungen, die erst nach dem Erfolg und der Erfüllung ausgesprochen wurden. Allein sie waren vielleicht das einzige Mittel, der ,,Wahrheit und Gerechtigkeit" die Ehre zu geben und vor deren Verleugnung zu schützen; das einzige Mittel, die Schwachen und Schwankenden im Glauben zu stärken, religiöse und sittliche Tugend in Israel zu festigen, und dass es in seinem Gottvertrauen felsenfest bleibe inmitten Drangsal, Leiden und Verzweiflung. Denn das allein war Ziel und Zweck der jüdischen Sibylle, auf Israel einzuwirken, die eigenen Glaubens¬ und Gesinnungsgenossen fähig zu machen, dem grossen Anreiz zum Abfall von der Religion der Väter — der in der Gefahr der Bedrückung oder Verlockung des Feindes bestand — zu widerstehen. Nimmermehr aber war ihr Zweck, die Feinde zu täuschen und durch Täuschung die Feinde zu verlocken und für den jüdischen Glauben zu gewinnen. Ah diesem Massstabe gemessen, erweisen sich die Sibyllinen zwar als mit einem gewissen Makel oder Verdacht behaftet und zählen zur pseudepigraphischen Litteratur; immerhin sind sie in hohem Grade geschichtliche Dokumente von dem hervorragenden Glaubens- und Bildungsstande der Juden in jener Zeit, von den Leiden, die sie bedrückten, von der Energie, die sie zum Ertragen derselben beseelte. Ausser dem dritten Buche der „Sibyllinen" und den beiden vorhin genannten Fragmenten, die an der Spitze der ganzen Sammlung abgedruckt sind, gehören vielleicht das fünfte, neunte und zwölfte ausschliesslich der jüdischen Sibylle an. Alle übrigen verteilen ihre Orakel an die gemeinsame Autorschaft von Juden, Christen und Judenchristen. Insoweit die jüdische Sibylle in Betracht kommt, hören wir im ersten Buche glühende Worte über das Dasein und Wesen des einzigen, ewigen Gottes, die genau den Reden Möschens und der Propheten nachgebildet sind; hören wir Mahnungen und Warnungen, Weisungen und Vorschriften, Berichte über Geschlechter, Völker und Länder; selbst jüdische Tradition, Talmud und Midrasch sind in die Weissagungen eingeflochten. Lesen wir im dritten Buche, so hält die Sibylle2) bereits in der Urzeit des grossen allgemeinen Daseins Umschau über die in nächster Zeit und fernster Zukunft hervortretenden Erscheinungen der Natur- und Menschenwelt und prophezeit vom Turmbau zu Babel, vom Kriege gegen Troja und von Homer, von Moscheh und Salomo, vom Triumvirat in Rom und von der Herrschaft der Kleopatra, weissagt von Griechenland, Egypten, Assyrien, Babylonien und Persien, vom Tempel in Jerusalem und dessen Zerstörung unter Nebuchadnezar und Titus u. s. w. — Am meisten jedoch nimmt eine besondere Gattung von Weissagungen unser Interesse in Anspruch, diejenige nämlich, welche den Messiasglauben zum Inhalte hat. Wenn Völker oder Einzelne sorgenvoll an der Gegenwart verzweifeln und irre werden an ihrem Beruf und ihrem Tagewerk, dann zieht oft ein Stern am dunklen Himmel ihren Blick auf sich und senkt ihnen seinen leuchtenden Glanz in die Brust und erfüllt sie mit Trost, mit Lebensmut und Schaffenskraft, dass sie über Zeit und Raum hinweg sich stark und gross erweisen. Dieser Stern heisst „Hoffnung". 3) Es ist kein leerer, schmeichelnder Wahn, Erzeugt im Gehirne des Thoren. Im Herzen kündet es laut sich an: Zu was Besserm sind wir geboren. Und was die innere Stimme spricht, Das täuscht die hoffende Seele nicht. Kein Volk aber hat mehr die Ungunst des Schicksals, öfter die Drangsal des Lebens empfunden; — keines auch sehnsüchtiger nach oben geblickt und freudiger den Stern der Hoffnung begrüsst, als das 2) Sibyllinen III V. 812-828. 3) Schiller: Hoffnung.

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