Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 2 (Januar 1903)
- Article
- Die Sibylle im Heidentum, Judentum und Christentum
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 117 - 118 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2583875-2583904-2583907-2586715--02563-2586788- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
117 Dr. Tobias, Cohn: Die Sibylle im Heidentum, Judentum und Christentum IIS schaft des Königs Antiochus Epiphanes und weiter bis zur Zerstörung des zweiten Tempels durch Titus und zur Regierung des Kaisers Hadrian. Ein langer Weg von mehr denn siebenhundert Jahren, der nur an wenigen Stellen von einem freundlichen Sonnenstrahl beleuchtet wird, sonst nur durch Leid und Drangsal gekennzeichnet ist, welche die Bekenner des jüdischen Glaubens, zumeist um ihrer Religion willen, zu erdulden hatten. Religionsverfolgungen ohne Zahl, die Tausende in den Reihen Israels durch Schwert und Feuer vernichteten; — zugleich aber auch Verfolgungen, in welchen die Tugenden des Volkes, seine Glaubenstreue, seine Vater-' landsliebe, seine Tapferkeit die höchsten Triumphe feierten. Unter solchen Erscheinungen entfaltet sich vor uns das Getriebe der „Sibyllinischen Weissagungen", einer eigenartigen Litteratur, die uns das Leben und Denken langer Generationen, ihr Dulden und Hoffen in den Jahrhunderten religiöser Bedrängnis, ihr Mühen und Streben im Dienste des Glaubens vor Augen führt. Es sind Niederschriften in griechischer Sprache, die zum Teil bereits in der vorhin bezeichneten Sammlung vom Jahre 77 vor Chr. vorhanden waren, und seitdem durch jüdische und später auch durch christliche Sibyllen vermehrt, zu dem Umfange angewachsen sind, in welchem sie uns heute unter dem Namen „Sibyllinische Weissagungen" (ypvpaoL aiß'jXXiazoi) vorliegen.1) In zwölf Büchern sind sie niedergelegt, deren ältestes in der Makkabäerzeit (160 v. Chr.) und deren jüngstes an vier Jahrhunderte später, in der Mitte des dritten nachchristlichen Jahrhunderts (254—260), verfasst wurde. Mit grossem Fleiss und vielem Scharfsinn haben hervorragende Gelehrte in dieser schwierigen Materie geforscht. Männer wie Bleek, Bernhardy, Gfrörer, Friedlieb, Ewald haben in die Frage über Form und Inhalt, Alter und Autor u. s. w. Klarheit gebracht. Und da das Judentum seine sibyllinischen Orakel auf das Alte Testament und die jüdische Geschichte aufbaute und in das früheste Alter zurückgriff, so genoss die jüdische Sibylle das höchste Ansehen. Das dritte Buch der uns vorliegenden Sammlung ferner, das durchweg einen Juden zum Verfasser hat, die jüdische Geschichte in weitester Ausdehnung behandelt und auch mehrfach von fremden Orakeln durchsetzt ist, wurde daher auch mit Recht für das älteste gehalten und war jederzeit das am meisten gelesene und wertvollste. Immer hat das dritte Buch das grösste Interesse der Forscher erregt; in neuerer Zeit hat sich Professor Badt durch seine gediegene Bearbeitung des dritten und des fünften Buches besonders ausgezeichnet. Wenn in der Entwicklung des Menschengeschlechts von Zeit zu Zeit Wendepunkte eintreten, wo der Geist eine neue und höhere Stufe erreicht, dann werden oft die unverkennbaren Wirkungen des Gewinns vollwichtigen Verlusten für die nächste Zeit begleitet. Alte Irrtümer!) yprpiot oißuXXtazou vollständig gesammelt und herausgegeben von Dr. J Friedlieb, Leipzig, 1852. rSMAEL GENTZ. KARLSBADER STUDIE 1878. werden beseitigt und gleichzeitig werden grosse Wahrheiten mit hinweggeworfen, die damit verbunden waren. Solche Merkzeichen haften an der Geschichte des jüdischen Stammes in der griechischen Periode seit Alexander dem Grossen bis zur Makkabäerzeit. Durch ein inniges Gemeinschaftsleben mit den verschiedenen Völkern Griechenlands eigneten sich die Bekenner Israels fast bis zur Verleugnung der Religion und Glaubenslehre griechische Kultur, griechische Sprache und Sitte an, bis sie unter dem syrisch-griechischen Könige Antiochus Epiphanes (175—163) die schwersten Drangsale und Leiden zu ertragen gezwungen waren. Nie zuvor, seitdem Israel in die Reihe der Staaten eingetreten war, hat es, zumal seiner Religion wegen, so schwer gelitten, wie damals, wo Angst und Verzweiflung sich auch der Besten bemächtigte und Sorge um die Heilskräfte der Religion und den Fortbestand des Glaubens in den Gemütern Platz griff. Damals entstand ein Litteraturprodukt^ das für den klaren Typus der Sibyllinen gelten kann. Es ist das apokalyptische Buch Daniel, dessen Zweck war, die in der Not und Drangsal um ihres Glaubens willen Geängstigten an Beispielen von Standhaftigkeit und Glaubenstreue in der Vergangenheit zu stärken und aufzurichten und in symbolischen Bildern geweihte Ausblicke auf eine baldige Erlösung und selbst auf das