Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 2 (Januar 1903)
- Article
- Die Sibylle im Heidentum, Judentum und Christentum
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 115 - 116 (sequence 3)
- Language
- German
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115 Dr. Tobias Cohn: Die Sibylle im Heidentum, Judentum und Christentum. 116 Orakelglaube und Sibyllendienst keine Kraft mehr besassen. Bereits im fünften oder vierten Jahrhundert hat auf griechischem Boden der alte Väterglaube aus dem Kampfe mit der Philosophie tiefe Wunden davongetragen. Im zweiten Jahrhundert wurde dieser Kampf zwischen Religion und Philosophie in Rom ausgefochten, nachdem Griechenland römische Provinz geworden und der Philosophie besonders in der schönen Litteratur ein mächtiger Kampfgenosse erstanden war. Orakel und Sibylle erlagen offenbar der zunehmenden Bildung und Erkenntnis. II. Judentum. Eine grosse, weltberühmte Institution hatte mit dem Aufhören der heidnischen Sibylle am Orakel ihr Ende erreicht, und wie Rechtsentscheidungen und Urteile hoher Autoritäten codifiziert und zu festen Normen erhoben werden: so wurden die alten Aussprüche der Sibyllen, in neun Büchern gesammelt, der Gegenwart zu teurem Besitze, der Zukunft zu heiligem Vermächtnis. Nur die drei letzten Bücher dieser Sammlung erwarb König Tarquinius Superbus in Rom (534—510) für einen hohen Kaufpreis und hinterlegte sie im Capitol, wo sie als kostbarer Schatz aufbewahrt und in schwierigen Lagen des Staats zu Rate gezogen wurden. (Vier Jahrhunderte und darüber diente diese unter dem Namen „Sibyllinische Bücher" bekannte Sammlung dem angegebenen Zwecke, bis sie 84 vor Chr. bei einem Brande des Capitols verloren ging, und durch eine neue Sammlung im Jahre 77 ersetzt wurde, die in Samos, Erythräa und Asien, Afrika und Sizilien, in den Städten Italiens durch dorthin von Staatswegen geschickte römische Gesandte von Privaten erworben wurde.) Wieder sprach aus diesen Sibyllinen das Schicksal von Städten und Ländern, von Fürsten und Völkern; ihre Blätter waren mit Weissagungen über Flüsse und Meere, über Segnungen und Trübsal erfüllt. Aber wie Posaunenschall tönte aus ihnen — und das war in ihnen neu gegen früher — zugleich auch die Kunde von einem Gotte, der allein ist, einig-einzig, ewig und allmächtig, und mit immer neuen Tröstungen pflanzte sie im Herzen der Menschheit die Hoffnung auf einen Erlöser auf, auf den Messias, auf eine glückselige Zeit des Friedens, der Eintracht, die alle Erdbewohner in dem Bund der Liebe und Treue, der Wahrheit und Gerechtigkeit einen werde. Woher kamen diese Stimmen? Welche Sibylle schrieb diese erhabenen Weissagungen, Hoffnungen und Tröstungen in die Rollen hinein, welche bis dahin nur heidnische Kunde enthielten und jetzt dem Staubgebornen in Drangsal und Not, in politischer Bedrückung oder in persönlichem Elend durch die Verheissung eines gottgesandten Erlösers aufrichtete und dem Geängstigten und Gebeugten die Zunge löste zu dem beglückten Aufschrei: „Ich weiss, dass mein Erlöser lebt"? Diese Stimme kam von einer neuen Sibylle, die nicht mehr am heidnischen Orakel Dienste that, nicht mehr die Aussprüche des Apollo verkündete, sondern an dem schicksalvollen Rad der Zeit die Hervorbringungen im Völkerleben beobachtend und den Wandlungen der Zeit nachgehend den Griffel führte. Was sie an dem ewig rauschenden Quell des Urgeistes vernahm und aus den geheiligten Urkunden des alten Gottesworts erkannte, das schrieb sie in Form der umlaufenden, allgemein verbreiteten sibyllinischen Weissagungen nieder zur Kräftigung des wahren Gottglaubens, zum furchtlosen Ausharren in demselben trotz Drangsal und Gefahr, die damit verbunden waren. Der Mund der Propheten war längst geschlossen; an ihre Stelle trat die Sibylle. Es war die alte . Hebräische oder Erythräische Sibylle, die schon von Pausanius im 2. Jahrhundert vor der christlichen Zeitrechnung so genannt wird und die diesen Namen verdient, weil sie hauptsächlich aus dem Alten Testament schöpft und zweifelsohne einen Alexandrinischen Juden zum Verfasser hatte. Es war die alte Hebräische oder Erythräische Sibylle, die auch unter dem Namen „Cumäische" vorkommt, die Virgil in seiner Beschreibung des „Goldenen Zeitalters" zum Vorbilde nimmt und auf welche Josephus bei der Erzählung vom Turmbau zu Babel sich beruft. Zwei Fragmente aus einem grösseren Buche dieser Sibylle sind uns erhalten und haben folgenden Wortlaut: „Einer allein ist Gott, erhaben und nimmer gezeuget, Einer allein ist Gott, der Himmel und Sonne geschaffen, Der gebildet den Mond, der Sterne glänzende Scharen, Früchtetragendes Land und endlos flutendes Weltmeer. Dieser allein ist Gott, ist Schöpfer, in Ewigkeit herrschend, Formte Menschengestalt, mit Weisheit des Sterblichen Auge, Allen Erdgebornen verlieh er Schönheit und Kräfte." „Schämt euch doch, als Gott zu verehren Katzen und Schlangen, Schlangen betet ihr an und Hunde und Katzen, ihr Thoren, Göttergebilde aus Stein, von Händen gefertigte Bilder, Feurig stark und schwer und ohne jedwede Verfälschung Trankt ihr aus, ihr allezumal im rasenden Taumel. Nüchtern wollt ihr nicht werden und wieder verständig, Gott erkennen nicht an, den Alles bewachenden König; Darum wird euch die Glut des ewigen Feuers erreichen, Tag für Tag wird zehren an euch die ewige Flamme. Aber wer Gott, den ewigen, wahren, fürchtet und ehret, Dem wird fallen als Los das Leben, auf ewige Zeiten, Wohnen wird er, wo üppig es grünet, im Garten von Eden, Kosten das liebliche Brod, herstammend vom strahlenden Himmel." Beide Fragmente, die hier nicht vollständig, nur im Auszuge wiedergegeben sind, verraten den jüdischen Verfasser, die hebräische Sibylle, die in Egypten lebte, sowohl durch den Eifer für den einzigen Gott, wTie durch die lebhafte Schilderung des egyptischen Götzendienstes und das Kolorit der Rede, die durchweg an das Alte Testament erinnert. Wir folgen den Wanderungen und Wandlungen des jüdischen Volkes seit dem babylonischen Exil bis zu seinem Leben unter der syrisch-griechischen Herr-