Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 2 (Januar 1903)
- Article
- N. Sokolow
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 109 - 110 (sequence 3)
- Language
- German
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109 Dr. S. Bernfeld: N. Sokolow. 110 eigenen Wege zu gehen. Ausserdem wissen die Herren in Wien recht gut, welche Macht die „Hazefirah" vorstellt, und es wäre die grösste Thorheit von ihnen, es mit Sokolow zu verderben. Als man ihm vor einiger Zeit den Vorwurf machte, er fördere den politischen Zionismus aus eigennützigen Motiven, meinte er, der Zionismus habe nicht ihm Vorteile gebracht, sondern er dem Zionismus. Hätte er gewollt, so hätte sich die Hauptströmung in Russland gegen den Zionismus gewendet. Dies ist zwar nicht buchstäblich so zu nehmen; aber unleugbar hat sich Sokolow grosse Verdienste um die Verbreitung des Zionismus erworben. Um sein Wirken zu verstehen, muss man es aufmerksam verfolgen. Sokolow will nicht „philosophisch-tief" sein, sondern allgemeinverständlich; aber er ist kenntnisreich und vielseitig. Er schreibt nicht nur Leitartikel, um seine Ideen zu propagieren, sondern auch geistreiche Feuilletons, stimmungsvolle Betrachtungen, die sich mitunter zur poetischen Schönheit erheben. Er besitzt Humor und Satire, Witz und Schlagfertigkeit. Es ist merkwürdig, wie verschiedenartig er eine Idee veranschaulichen und deren Wahrheit beweisen kann! Heute schreibt er einen fulminanten, wirkungsvollen Leitartikel; morgen behandelt er dasselbe Thema in der Form einer geistvollen, fesselnden Plauderei; mit einem Male wird er pathetisch oder sarkastisch, oder er verarbeitet denselben Gedanken in der Form einer hübschen Skizze. Man mag über ihn sagen, was man will — langweilig wird er nie. Seine Sprache und seine Darstellungsweise ist fesselnd; seinem Thema versteht er stets neue Gesichtspunkte abzugewinnen. Er weiss es, mit seinem Pfunde vorzüglich zu wuchern. N. Sokolow ist mit einem umfangreichen Wissen ausgerüstet. Er besitzt viele Kenntnisse auf dem Gebiete der jüdischen Wissenschaft und des hebräischen Schrifttums, aber auch in den europäischen Litteraturen ist er recht heimisch. Er schreibt polnisch, russisch, deutsch, französisch und englisch mit derselben Virtuosität wie hebräisch; ebenso spricht er alle diese Sprachen mit gleicher Fertigkeit. Er ist einer der wenigen Schriftsteller, die nicht minder geistreich und berückend in der Unterhaltung sind, als in ihren Schriften. Sokolow ist nämlich gleichzeitig ein ausgezeichneter, unermüdlicher und fesselnder Redner. In all den genannten Sprachen kann er Stunden lang sprechen, ohne die Hörer zu ermüden. Fünf oder sechs Stunden spricht er vor einer zahlreichen Versammlung; er beginnt russisch, setzt die Rede polnisch fort, dann verfällt er mit einem Male ins Hebräische oder ins Französische. Auf dem russischen Zionistenkongress in Minsk sprach er Stunden lang hebräisch, wie er in London ebenso unermüdlich englisch gesprochen hatte. Geborene Engländer waren über sein Englisch erstaunt. Sein Hauptvorzug ist, dass er nicht den Ehrgeiz und die Eitelkeit besitzt, als Gelehrter zu gelten; er ist Publizist und konzentriert auf diese Thätigkeit sein ganzes Können. Seine publizistische Thätigkeit umfasst alle Zweige; er ist Politiker, Kunstkritiker, Feuilletonist, Sozialpolitiker u. s. w. Für jedes Thema hat er seine eigenartige Sprache, die aber stets leicht verständlich, anmutig und poetisch angehaucht ist; sie hat immer etwas vom menschenfreundlichen Humor an sich. Indes ist keine seiner vielen lobenswerten Eigenschaften so bewunderungswürdig, wie seine Arbeitskraft. Seit zwanzig Jahren und mehr schreibt N. Sokolow tagaus, tagein seine Leitartikel, fast immer sogar deren zwei, einen allgemein-politischen und einen jüdischen; mitunter sogar drei. Man kann in einer Nummer der „Hazefirah" zwei Leitartikel aus der Feder Sokolows lesen, ferner irgend eine andere Abhandlung, und unter dem Strich — eine Erzählung in Fortsetzungen von demselben Autor. Sokolow veröffentlicht nämlich zur Zeit im Feuilleton der „Hazefirah" einen historischen Roman, dessen Hauptheld Simon Bar-Kochba ist. Selbst wenn er sich Ferien gönnt, rastet er nicht. Wo er auch sein mag, im schottischen Hochgebirge, in Oberitalien, in Neapel oder an den Pyrenäen — niemals unterlässt er es, seine Leitartikel zu schreiben. Eine solche Unermüdlichkeit ist mir sonst nicht bekannt. Dass Sokolow dies alles in hebräischer Sprache thut, ist am allerwenigsten gering zu schätzen. Ich habe bereits erwähnt, dass man in der hebräischen Presse sehr exponiert ist. Das hebräisch lesende Publikum ist mit einer für den Publizisten garnicht angenehmen starken Gedächtniskraft begabt. Auf eine Aeusserung wird man da leicht festgenagelt, und Jahre hindurch wird sie, wenn sie nicht ganz einwandfrei ist, einem unaufhörlich vorgehalten. Wenn man im Dienste der Publizistik steht und nicht so viel Zeit zum Ueberlegen hat, um jedes Wort auf die Wagschale zu legen, so ist es keine leichte Kunst, Vorsicht zu üben, um nicht für die Zukunft festgelegt zu werden. Zudem ist die Stellung Sokolows eine sehr schwierige, da er sich vor jeder Konsequenzmacherei hütet und sich nicht mit Prinzipien belasten will. Er sagt mitunter den Orthodoxen ein paar derbe Wahrheiten; aber man würde irren,