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Ost und West · 1903-01-01 · Heft 2 (Januar 1903) · p. Seite 111 - 112

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Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 2 (Januar 1903)
Article
N. Sokolow
Date
1903-01-01
Page
Seite 111 - 112 (sequence 4)
Language
German
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111 Dr. S. Bernfeld: N. Sokolow. 112 wollte man glauben, dass die „Hazefirah" nun eine antiorthodoxe Richtung anzunehmen entschlossen sei. Ebenso verhält er sich zu allen anderen Parteien im Judentum. Sokolow will sich in keinem Lager festhalten lassen; nicht minder ist es schwer, bei ihm eine bestimmte Kunstrichtung festzustellen. Diese Kunstfertigkeit, stets jeder Partei geschickt aus dem Wege zu gehen, gehört mit zu den glänzenden Gaben dieses Schriftstellers. Beinahe so lange, als Sokolow Publizist ist, bestand ein gewisser Antagonismus zwischen ihm und mir. Natürlich handelte es sich nie um persönliche, sondern nur um allgemeine Fragen, in denen wir uns gegenüberstanden. Wir vertragen uns jetzt, da ich zur Zeit zu den Tagesereignissen nur eine beobachtende Stellung einnehme; aber selbst als ich in bitterer Fehde mit ihm war, hatte ich immer das Gefühl, dass ich es mit einer noblen Natur zu thun hatte. Einen solchen litterarischen Gegner kann man sich nur wünschen. Nie war er rücksichtslos in der Wahl seiner Kampfesmittel, wie er auch immer sich nachsichtig und leicht versöhnlich zeigte. Sokolow ist eine liebenswürdige, lebensfrohe Natur; ein guter Kamerad, der einen Spass versteht; jedenfalls eine vornehme Erscheinung in der hebräischen Presse. Ich bin somit in meinem Urteil über Sokolows Thätigkeit durch keine freundschaftlichen Beziehungen befangen. Ich kenne seine Vorzüge und seine Schwächen; indessen sind jene zahlreicher und überwiegender. Zu dem Jubiläum seiner fünfundzwanzigjährigen Schriftstellerthätigkeit rufe ich ihm ein herzliches „Jejaschar Kochaeha!" zu. DIE SIBYLLE IM HEIDENTUM, JUDENTUM UND CHRISTENTUM. Von Dr. Tobias Cohn. I. Heid Wie um seine Axe sich der Erdball dreht und in ewigem Umschwung durch die ungemessenen Räume treibt: so kreisen die Geschlechter der Menschen um den einen Mittelpunkt des Gottglaubens, aus welchem sie Macht und Grösse schöpfen. Solcher Mittelpunkt war dem heidnischen Altertume das Orakel. Uralt sind die Orakel in Egypten, wo sie nicht ohne Einfluss auf die späteren mosaischen Einrichtungen der Israeliten geblieben sind. Von hier wurden sie nach Griechenland verpflanzt, wo das Orakel zu Delphi, das dem „Pythier Apollo" geweiht war, zur höchsten Blüte gelangte und von der „Sibylle Pythia", d. h. von der am Orakel des „Pythiers" weissagenden Priesterin, bedient wurde. Wir kennen 10 Sibyllen, die je nach der Gegend, wo sie geboren sind oder wirken, benannt sind; so die Pythia, die Erythräische, Chaldäische. Cumäische, Persische u. a. Treten wir in den Tempel zu Delphi ein, der uns mit dem Weihegruss an der Stirn: „Erkenne Dich selbst und halte Mass in Allem" begrüsst, so sehen wir zunächst das hehre Gottesbild des Apollo von gediegenem Golde. Eine breite Erdschlucht zieht dann unsere Aufmerksamkeit auf sich, — ein dampfender Abgrund, aus dessen Tiefe heisse Dünste aufsteigen. Das war die eigentliche Offenbarungsstätte des Gottes. Hier nahm die Pythia in der Stunde ihres Dienstes auf einem Dreifuss, der über den dampfenden Schlund gespannt war, ihren Sitz ein. Und wenn dann unter den beängstigenden Eindrücken, die sich ihrer bemächtigten, ein wilder Rausch die Seele ergriff und bei der notwendig entstandenen Verwirrung der Sinne stürmende Begeisterung, himmelwärts strebender Enthusiasmus den Vorhang hinwegzog und dem Reich der Phantasie Thür und Thor öffnete: dann stiess sie in heftigem Redestrom Worte, e n t u m. Sätze aus, die unverständlich, verworren, rätselhaft klangen. Diese in Ekstase gesprochenen Worte wurden von Priestern, die in der Nähe der Sibylle standen, oder von ihr selbst in hexametrische Versform gebracht und galten in dieser Fassung als Antwort des Gottes. Oft nahm die Sibylle in diesem Gemütszustande noch einen höheren Geistesflug und durchdrang mit ihrem Seherblicke ferne Jahrhunderte, zukünftige Vorgänge in der Natur, kommende Schicksale im Leben der Völker und erteilte Lehren und Warnungen dem irdischen Menschen. Ein Blick auf die Blütezeit der Orakel, in welcher Fürsten und Völker von nah und fern in den höchsten und vornehmsten Angelegenheiten dasOrakel befragten, lehrt, wie peinlich und gefährlich es für den Ruf der Sibylle und des Orakels werden konnte, wenn die erteilten Bescheide nicht zutrafen. Dieser Sorge und Aengstlichkeit wurde dadurch begegnet, dass die Sybille in Versen sprach, rätselhaft, dunkel, doppelsinnig, so dass für das richtige Verständnis des Ausspruches der Fragende allein verantwortlich war und der etwaige Misserfolg des Unternehmens ihm allein zur Last fiel. Als später die Orakel an ihrem Ansehen verloren, bedurfte es nicht mehr der Vorsicht, zu Versen Zuflucht zu nehmen. Die Sibylle liess sich jetzt in Prosa vernehmen, und der Verfall des Orakels trat deutlich hervor. Man hat versucht, den Verfall des Orakels mit dem Tode Christi in Verbindung zu bringen. Die Kirchenväter datieren dieses Aufhören seit Christi Geburt. Allein weder das Eine noch das Andere erscheint geschichtlich zutreffend. Vielmehr war der Zeiger an der Zeitenuhr bereits so weit vorgeschritten, dass der

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