Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 2 (Januar 1903)
- Article
- N. Sokolow
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 107 - 108 (sequence 2)
- Language
- German
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107 Dr. S. Bernfeld: N. Sokolow. 108 geschichte vorausgesetzt werden muss. Man wühlte alles in den tiefsten Tiefen auf, um das Judentum von Grund aus umzugestalten. Natürlich fehlt es auch nicht an den entgegengesetzten Bestrebungen; gegen die radikale Reform gab es ein starres Festhalten am Alten. Und so tobte damals in der hebräischen Presse ein lebhafter Kampf, den ich, aufrichtig gesagt, jetzt sehr vermisse, ohne dass ich mich für die eine oder die andere Richtung erklären möchte. Wenn ich an jene Zeit denke, muss ich sagen: Es war wirklich eine wahre Lust! Von den hebräischen Wochenblättern jener Zeit nahmen damals eine bedeutende Stellung ein: der „HamaggkT, die älteste hebräische Zeitung, deren Haltung eine gemässigt liberale war; der „Hameliz", neben der Monatsschrift „Haschachar", die mit Donnerkeulen dreinschlug, das radikalste, in dem die konsequentesten Reformgedanken Lilienblums und L. Gordons zum Ausdruck gelangten; der fanatischorthodoxe „Halibanon", der gern Tag für Tag ein Inquisitionsgericht für Ketzer gesehen hätte, und die „Hazefirah", die sich diesem Treiben fernhielt und lediglich allgemein wissenschaftliche Aufsätze neben politischen Nachrichten brachte. Diese negative Stellungsnahme der „Hazefirah" zu allen jüdischen Fragen war im höchsten Grade einseitig. Herausgeber dieser Zeitung wrar der noch lebende, jetzt beinahe hundertjährige Astronom S. Slonimski, dem ein Alexander Humboldt für seine wissenschaftlichen Arbeiten Achtung bezeugte. In jüdischen Kreisen pflegte man ironisch zu sagen: „Schade, dass die Juden nicht auf dem Monde wohnen; dann hätte sich die „Hazefirah" mit ihnen beschäftigt." Dieselbe „Hazefirah" wurde später durch N. Sokolow die modernste hebräische Tageszeitung; ob sie es auch in der Zukunft bleiben wird, lässt sich bei den neuen Strömungen in der hebräischen Litteratur nicht voraussagen. In der letzten Zeit sind neue Blätter ins Leben gerufen worden, über deren Haltung man sich noch nicht äussern kann. Es ist nämlich unterdessen ein neues Geschlecht entstanden, das an die hebräische Presse ganz andere Ansprüche stellt, als es vor zwanzig Jahren der Fall war. N. Sokolow könnte sie unbedingt befriedigen, wenn er nur wollte. Es ist das Ideal eines begabten Journalisten: vielseitig gebildet, erfahren , geistreich, lebhaft und temperamentvoll, kenntnisreich, leicht beweglich, eine staunenswerte Arbeitskraft. Was ihm aber fehlt, das ist die Beharrlichkeit, ich möchte beinahe sagen, der Ueberzeugungsfanatismus, durch den allein eine dauernde Wirkung hervorgerufen werden kann. Für einen Tagesschriftsteller ist dies gewiss kein Vorwurf; wenigstens halte ich es für keine Tugend, dass man sich für sein ganzes Leben in eine Idee verbeisst. Auch ich habe im Laufe meiner publizistischen Thätigkeit meine Anschauungen einigemal einer eingehenden Revision unterzogen und mit manchen gründlich aufgeräumt, wenn ich sie veraltet und irrig fand. Aber ich hatte jedesmal das Pech, Meinungen aufzugeben, nachdem sie in der jüdischen Leserwelt Anerkennung gefunden und zu einer Macht geworden waren. Aus diesem Grunde blieb ich stets in der Opposition. N. Sokolow hatte mehr Glück. Stets hatte er die herrschende Meinung für sich; er erfasste immer die Zeitströmung und verstand das Leben und seine Wandlungen; er ging sogar manchesmal um etwas der Zeit voran, aber stets hielt er die richtige Distanz ein. Für einen Publizisten giebt es nämlich nichts ungeschickteres, als der Zeit sehr voranzueilen, oder um vieles hinter ihr zurückzubleiben. Im ersten Fall ist er ein Narr und im zweiten rückständig und abgethan. N. Sokolow hat somit grosse Erfolge aufzuweisen; sein grösstes Verdienst ist aber, dass er diese Erfolge verdient. Er begann in jungen Jahren seine schriftstellerische Laufbahn wie alle Journalisten mit Beiträgen für die bestehenden hebräischen Zeitschriften, wobei er merkwürdigerweise einen konservativen Ton anschlug — sonst waren wir alle jungen Journalisten himmelstürmerisch radikal. Zu jener Zeit schrieb Sokolow auch eine Geographie von Palästina. Bald wurde er ständiger Mitarbeiter und Redakteur der „Hazefirah", die er anfänglich im Sinne des alten Herausgebers leitete. Indessen wurde die Zeitung in der Mitte der achtziger Jahre in ein Tageblatt umgewandelt, und da musste sie notwendig ihr Programm nach und nach erweitern. Trotzdem hielt sich die „Hazefirah" in der ersten Zeit nach Kräften von den innerjüdischen Kämpfen fern. Eine Physiognomie erhielt sie erst mit der Erstarkung der zionistischen Bewegung. Kein jüdisches Blatt, ausser der „Welt", hat mit solcher Vehemenz zu dieser Frage Stellung genommen wie die „Hazefirah". Eigentümlicherweise beginnt auch erst mit dieser Periode die bewunderungswürdige journalistische Begabung Sokolows. Die „Hazefirah" wurde das Organ der politischen Zionisten; sie hält treu zu Herzl, obwohl sie sich hin und wieder nach dieser Richtung kleine Freiheiten herausnimmt. Das kann sich Sokolow wohl leisten, weil er das natürliche Vorrecht aller geistreichen Männer besitzt, gelegentlich auch seine