Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 2 (Januar 1903)
- Article
- Ismael Gentz
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 95 - 96 (sequence 6)
- Language
- German
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95 Nathanjah Sahuwi: Ismael Gentz. 96 das Verschlagene in des Wortes mannigfacher Deutung gegenüber der Gelassenheit, dem Gleichmut und dem stolzen Fatalismus des orientalischen Bruders erfasst und festgehalten! Bei der Radierung des „Religionslehrers" und dem Aquarellbild im „Tempel zu Tripolis" reizten den Künstler mehr die Behandlung der Lichteffekte in der nur durch einige Lichter spärlich erhellten Synagoge, deren weltentrückte Düster so mächtig kontrastieren gegen die schillernde Lichtfülle draussen in der Natur. Ein Teil dieser Skizzen ist erst in diesem Jahre für grössere Kompositionen verwandt worden, die nach ihrer endgiltigen Vollendung an dieser Stelle wiedergegeben werden sollen. Es sind die Schulbilder. Auf dem einen Gemälde einen Lehrer, der mit einem Kinde rechnet, während die andern auf Bänken und in den Ecken herumhocken und in die Luft träumen. Auf dem anderen einen Vorbeter, der mit seinen Zöglingen die Synagogenmelodieen einstudiert. Die Kinder sitzen dichtgedrängt um den Vorbeter herum im Kreise, einige auf Nischenbänken und beteiligen sich mit mehr oder minderem Eifer an den Uebungen, die ausser den Gesangsstücken noch den richtigen, begleitenden, schaukelnden, wiegenden, windenden Bewegungen gelten. Auch in diesem sicher beobachteten Bilde ist der Widerstreit des sich in den Raum einzwängenden Tageslichtes mit dem fahlen Schimmer der „Ewigen Lampe" trefflich zum Ausdruck gebracht. — Unter dem Pinsel befinden sich nach Skizzen aus dieser Tripolisreise noch mehrere Gemälde. Darunter ein jüdischer, in einem Winkel kauernder Blumenverkäufer, den eine Laterne grell beleuchtet. Und weiter ein grösseres Aquarellbild „Ihrer Sieben", das wundervoll in Ausdruck und Farbe, eine jüdische Frau mit sechs sich dicht an sie schmiegenden blond- und schwarzhaarigen Kindern mit herrlichen, tiefen und seelenvollen Augen darstellt — Juden wie sie die Sonne des Orient werden lässt und reifen Hess. Noch unter dem frischen Eindruck seiner Reise schuf Ismael Gentz sein Gemälde: Gelehrte in der Synagoge zu Tripolis, von dessen zarter Stimmung die viel zu unruhige und helle und nur das Gegenständliche andeutende Reproduktion kaum eine deutliche Vorstellung geben kann. Es liegt etwas von dem Zauber der Israelsschen Kunst in dem Bild. Die Gestalten der beiden Gelehrten sind erst später eingefügt und ohne wesentliche Bedeutung für das Werk. Die ursprüngliche Studie giebt nur die Tempelecke vorn an der heiligen Lade. Eine tiefe, schwere Stille liegt über diesem Winkel, zu dem nicht das Licht und nicht die laute Hast des Tages dringt. Graue Dämmer, die alle Umrisse verwischen, breiten ihre Schatten. Aber das Dunkel ist nicht eintönig, sondern zeigt den erst von den holländischen Meistern in seiner ganzen malerischen Bedeutung erkannten und ausgewerteten Reichtum an leicht abgestuften und zart ineinanderfliessenden Tönen. Dieses Interieur ist wohl in seinem inneren Gehalt und in der Stimmung Gentzens reifstes und einheitlichstes Werk. Es ist seiner Mutter Lieblingswerk; und seine Freunde haben es am meisten bewundert. Auf der Ausstellung machte es nicht den geringsten Eindruck. Es litt unter dem vSchicksal so vieler Meisterwerke, dass es durch eine unpassende Nachbarschaft und einen unmöglichen Platz bei der Ueberfülle der ausgestellten Bilder in seiner Eigenart und spezifischen Schönheit nicht erkannt wurde. Dieses Gemälde ist so recht aus dem tiefsten Urgründe in Gentzens Wesen geflossen; aus der verschlossenen, stillen und weltflüchtigen Seele des Künstlers. Auch der Vater war bei aller äusserlichen Geselligkeit eine einsame Natur. Aber bei Ismael sind diese Anlagen durch die vorsichtige Erziehung des schwächlichen Knaben in verschlossenen Gärten und melancholischen Zimmern — ohne Mitschüler, Jugendgefährten und Freund — bis zur Scheuheit gesteigert. Man erkennt den Künstler sofort an dem Bilde wieder; noch deutlicher als an dem ergreifenden Gemälde einer einsamen, betenden und nach innerer Erlösung ringenden Frau in einem durch eine Hängelampe matt erleuchteten Raum. Das ist keine billige Stimmungsmacherei, sondern reinste Seelenkunst. . . In weiteren Kreisen wurde der Name Gentzens bekannt durch die zahlreichen Studien und Gemälde, welche der uns Juden durch den Empfang der zionistischen Führer ewig denkwürdigen Palästinareise des deutschen Kaisers im Jahre 1898 gelten. Bemerkenswert ist da eine Farbenstudie „betende Juden an der Klagemauer" an einem sonnigen Festtag skizziert, der eine grosse Menge Andächtiger und viele Frauen in ihren malerischen und farbigen Tüchern an die Tempelwand geführt hatte. Die Studie ist hastig hingeworfen. Viel Müsse und Ruhe hatte der Künstler nicht. Denn auch hier flogen ihm die Steine um den Kopf, bis ein Polizist den Künstler schützte und die Menge einsah, dass es sich nur um eine Farbenskizze handle, bei der keine Figurenindividualitäten erkennbar wiedergegeben waren. Die späteren Werke von Gentz entstammen — so weit sie mir bekannt geworden sind — wieder mehr dem scharf blickenden, sichtenden und aussondernden Verstände. Hier brichi wieder der treffsichere Charakteristiker durch. Sein: „Nichts zu machen" ist dieser Veranlagung ein markantes Zeugnis. Was in dem „Mittagspause" trotz aller Delikatesse in der technischen Behandlung nicht recht zum Ausdruck kam, ist in dem „Nichts zu machen!" in wundervoller Prägnanz herausgeholt. In beiden Gemälden dasselbe Motiv; dasselbe Modell. Aber in der „Mittagspause" ist der Einschlag an Arrangiert-Genrehaftem und dasSteckenbleiben beimMehr- Aeusserlichen störend. Es bleibt ohne tiefere Wirkung. Ergreifend aber ist das Pendant. Für einen Juden! Das ist nicht mehr ein Schnorrer. Das ist der Schnorrer, Jeder Zoll ein Schnorrer. Wie seine Kleiderlumpen alle äusseren Formen verzerren, so ist seine Seele verzerrt in dem aufgezwungenen Schahdieben. Noch ein Fusstritt; noch ein Stoss; nochmals abgewiesen und herausgeworfen: alles eins. Er spürt nichts äusserlich; und empfindet auch nichts mehr. Aller Stolz ist aus ihm herausgestossen. Alles Selbstbewusstsein erdrosselt. Er lebt