Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 2 (Januar 1903)
- Article
- Ismael Gentz
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 97 - 98 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nathanjah Sahuwi: Ismael Gentz. 97 zwar — aber er hat ausgerungen. Für ihn giebt's keinen Kampf mehr und keinen Sieg. In ihm ist alles ruhig. Kalt, tot. Er ist am letzten Ziel aller Weltweisheit angelangt — zum stoischen Gleichmut. Freilich auf einem anderen Wege! . . Gentz war gerade im Begriff, nach Kopenhagen abzureisen, als ihn dieser Urschnorrer aufsuchte (— er gehörte zu der Sorte, die das Lachmannsche Haus in der Tiergartenstrasse umlagerte —) Die Reise konnte Gentz nicht aufschieben. Er wies das Modell ab. Aber als er ihn nach unten die Treppe hinabgeführt hatte, blieb er fasziniert stehen: Das einfallende Licht hatte die Gestalt und diesen Kopf in der ganzen Sonderheit geradezu herausgemeisselt. Gentz Hess seine Reise fahren und holte Palette und Pinsel vor. In einer kleineren Ausstellung hat die glänzende „Charakter"Studie Aufsehen erregt. Sie sollte für die Lotterie angekauft werden. Indess das leitende Comite besann sich eines Anderen: in dem Verein sind sehr viele Juden. Und wie Fortuna nun 'mal ihre Laune hat, das Bild hätte M- , . ■: r » / ■ ■ ■ % t?f / # ' ISMAEL GENTZ. AQUARELLBILD. Nichts zu machen. ISMAEL GENTZ. MITTAGSPAUSE. doch auch ein Jude gewinnen können. Durfte ein Verein, der auf liberale Gesinnung etwas hält, sich dieser Gefahr aussetzen? .... Ich muss offen gestehen: ich habe dieses Gemälde, mit gemischten Gefühlen betrachtet. Es ist, rein künstlerisch genommen meisterhaft — in Arrangement, Ausnützung der Lichteffekte, Farbengebung und Abtönung. Gesicht, Geberde, Haltung sind nicht äusserlich, sondern erschreckend getreu als Projektion des ganzen inneren Menschen gesehen und nachgestaltet. Aber .... Ja! Dieses Aber! . . Die Hoffnung auf eine jüdische Kunst beseelt uns ganz; sie giebt unserer schwachen Kraft den Mut zu schaffen oder doch zu wagen. Da drängt sich oft in bangen Stunden die Frage an uns heran: Giebt es denn eine jüdische Kunst? Und nun heute? Ist es nicht eine Phrase, die wir im Munde führen, eine Lüge, mit der wir uns trösten wollen? Ich glaube, solche Bilder, wie Gentzens „Nichts zu machen" sind nicht nur künstlerisch von Wert. Sie sind auch belehrend. Für uns. Ich sehe die armen getretenen Judengestalten, wie sie Hirschenberg und Pilichowsky geschaffen. Da liegen doch Welten zwischen. Wie mitleidlos erscheint da das Bild von Gentz. Hier ist der fertige Mann objektiv gemalt — der Gewordene! Aber die Judengestalten jüdischer Kü nstler, instinktiv j üdischer oder selbstbewusst jüdischer Künstler — wir sehen sie werden, wir sehen ihr Schicksal, ihre Leidensgeschichte, die sie so haben werden lassen. Für die christlich-arischen Meister sind die Judengestalten nur interessante Modelle, Motive. Den jüdischen aber sind sie die Brüder, gleichen Blutes, gleicher Geschichte und die Träger unserer eigenen Seele, unseres eigenen Leides und eigener Hoffnung. Und in diesem Sichselbstgeben — nicht autochthon individuell, sondern bei rassenmässiger und nationaler Gleichart — liegen die Keime für die Spezifität einer jüdischen Kunst.