Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 2 (Januar 1903)
- Article
- Ismael Gentz
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 89 - 90 (sequence 3)
- Language
- German
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89 Nathanjah Sahuwi: Ismael Gentz. 90 in Material, origineller Linienführung, Gravierung —: eine ungewöhnliche Vereinigung von Kunsthalle und Orientmuseum mit Nutzräumen, die bei allen intimen Reizen doch eine seltene Behaglichkeit — freilich persönlichster Note — ausströmen. Von Wilhelm Gentz' eigenen Gemälden birgt das Haus nur wenige. Besonders anziehend sind ausser einer Supraporte, die auf Goldgrund die Halbbilder von Ismael und Mirjam Gentz in feierlicher Haltung zeigt, die „Sphinxe und Widder in der Thebaide", eines der früheren Gemälde des Meisters. Zwischen den Riesengestalten ältester egyptischer Denkmalskunst schreitet ein Feilachenmädchen, ihre Schafe und Widder hütend. Aber Mädchen und Widder könnten Modelle für die monumentalen Bildwerkegewesen sein: so geringe Wandlung haben die Jahrtausende gebracht. Dieses Gemälde ziert die Wand eines kostbaren Saales, der an Stelle der Tapeten eine glänzende Ahorntäfelung hat. Ismael Gentz hat dieses nur mit Kerzen erleuchtete Zimmer in vielmonatlicher mühseliger Arbeit bei einem „Gesellschaftsabend" mit den gefeiertsten Gästen des Hauses gemalt — ein Kunstwerk, in der sicheren Behandlung der komplizierten und gesteigerten Lichteffekte. Diese eigen- und einziggearteten Räume lassen uns einen Einblick in die Seele eines seltenen Menschen werfen. Die ganze Breite des künstlerischen Könnens bei Wilhelm Gentz zu übersehen, ist erschwert, weil die reifen Zeugnisse seines Schaffens frohen Lebens — er ist am 9. Dezember 1822 geboren und als Senator der preussischen Akademie der Künste am 23. August 1890 gestorben — in alle Museen der Welt zerstreut sind. Wilhelm Gentz war auch in seinem engeren Bereich kein Spezialist. Wie er im Porträt geradezu Bedeutendes schuf — ich denke an die vollendeten Bilder seiner Frau und seines Vaters —, so hat er den Orient in allen seinen Beziehungen und ISMAEL GENTZ. Eigenheiten wiedergegeben: Geschichte, Volksart und Volksbrauch, Landschaft. Wie er die Haremsfrauen, die Märchenerzähler, die Koranvorleser, Beduinen und Fellachenmädchen in allen Feinheiten beobachtet und dargestellt hat, so zeigt auch die subtile Belebung egyptischer und nubischer Landschaft mit Pelikan, Ibis und Flamingo, dass er den Einfluss des Geländes und der leuchtenden und farbenspendenden Sonne auf die Menschen und Tiere in aller organischen Verknüpftheit erfasst hat. Wilhelm Gentz hat nie die Empfindung gehabt, dass er sein Gebiet souverän beherrsche. Darum sind auch seine Bilder bei aller stofflichen Verwandtschaft frei von jeder geschickten und billigen Mache. Er war kein Routinier, der immer wieder,, sein" Bild malte. Jedes neue Gemälde war die Frucht erneuter Studien, vertierter Kenntnisse. Immer wieder zog es ihn aus seinem vornehmen Atelier in die unbehaglichen Zeltlager, um zu immer versteckteren Geheimnissen vorzudringen und den letzten Offenbarungen der sonnigen Märchenwelt zu lauschen. So ist es nur natürlich, dass Wilhelm Gentz auch die jüdischen Bevölkerungselemente in den Kreis seiner Studien gezogen hat. Bei all ihrer Angleichung an die orientalische Menschheit mit ihren durch Klima, Boden und Geschichte geschaffenen spezifischen Lebensbedingnissen erkannte er die feinere Nuanzierung ihrer Seele nicht minder, als die Formen ihrer äusseren Lebenshaltung. Seine Mappen sind überreich an derartigen Skizzen, die niemals die scharfen Unterscheidungsmarke zwischen den sephardischen und den eingewanderten russischen Juden in äusserem Habitus und innerer Artung vermissen lassen. Diese Studien jüdischer Gestalten hat er dann bei mehreren seiner Gemälde verwertet, wie z. B. in der markanten Gruppe langbärtiger jerusalemitischer Juden mit ihren schweren Pelzmützen auf dem bekannten GELEHRTE IN EINER SYNAGOGE ZU TRIPOLIS.