Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 2 (Januar 1903)
- Article
- Ismael Gentz
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 87 - 88 (sequence 2)
- Language
- German
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87 Nathanjah Sahuwi: Ismael Gentz. 88 ISMAEL GENTZ. STUDIE AUS TRIPOLIS 1890. das Glück gehabt hat, sein Haus in der Hildebrandtstrasse zu betreten, das er 1871 erworben und in dem er 1890 gestorben, wird die seltene und ungewöhnliche Bindung vollendeten künstlerischen Geschmacks und umfassender ethnologischer Findigkeit bewundern. Der Geist des Künstlers wandelt durch diese Räume. Ich sah sie an einem trüben, regnerischen Januartag. Das Dunkel egyptischer Königsgräber, deren bildnerischer Schmuck überraschend getreu nach Vorlagen des Meisters das Treppenhaus bedeckt, hüllte die Kunststätte ein. In den Wohn- und Empfangsräumen im unteren Stock lagen der schwarze Dämmer und die Stille und der Frieden einer Moscheenische. Hier ist jeder Zoll mit Erinnerungen an Wilhelm Gentz geadelt. Es ist ein weihevoller Tempel der Erinnerung, in dem die kunstsinnige Witwe des Meisters als Priesterin und Hüterin waltet. Gemälde, Aquarelle, Radierungen seiner Freunde — und zu denen gehörten wohl alle bedeutenden Meister der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts — bedecken die Wände. Vertreten sind hier die zartesten Gewirke des Orients, Leder aus dem Sudan, unschätzbare Teppiche und Stickereien, dazu die erlesensten Prachtstücke orientalischen Kunstgewerbes, Waffen, Krüge, Schalen, Amulette aus drei Jahrtausenden in einem kaum absehbaren Formenreichtum — jedes einzelne Stück mit besonderen Feinheiten eine ideale Landschaft. Er entrollte seine Szenen unter Palmen und Sykomoren und den zarten verschwebenden Farben des Orients. So wurde die Bibel nicht mehr nur mit ihren Geschehnissen und Problemen eine Quelle für künstlerische Motive, sondern auch in ihrem ureigenen Milieu, das ja so viele Züge ihrer besonderen Artung und so ihres inneren Gehaltes bedingt oder doch erklärt. Mit Gemälden, zu denen die Bibel — insonderheit das neue Testament — die Stoffe bot, begann auch Wilhelm Gentz. Die neuen Lehren der Franzosen hatten einen tüchtigen Schüler und Mittler nach Deutschland hin gefunden. Trachten, Typen, Landschaft waren nach gründlichen Studien im Orient gebildet. Seitdem Gentz in der Mitte der vierziger Jahre auf einem Ausflug nach Spanien einen Abstecher nach Marokko gemacht und sich ihm das neue Leben und die Fülle der Gesichte erschlossen hatte, die nachzuleben und nachzuschaffen seine Sehnsucht von frühester Jugend an war, litt es ihn nicht lange im Norden. Alle paar Jahre finden wir ihn in den Ländern, in denen das grüne Banner der Propheten flattert, zeichnend, malend, studierend. Als der Sohn eines reichen Neuruppiner Bürgers konnte er ohne Sorge ganz seiner Neigung leben, der er freilich mit echt deutscher Gründlichkeit nachging. Wie innig er seine Welt auch mit den verfeinerten Sinnen des Künstlers betrachtete, in der Sammlung seines Materials arbeitete er mit der Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit eines geschulten Ethnographen. Wer einmal WILHELM GENTZ. STUDIE AUS JERUSALEM 1873.