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Ost und West · 1903-01-01 · Heft 1 (Januar 1903) · p. Seite 61 - 62

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 1 (Januar 1903)
Article
Lecho-Daudi
Date
1903-01-01
Page
Seite 61 - 62 (sequence 4)
Language
German
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61 Binjamin Segel: Lecho-Daudi. 62 Kälte, und es half nichts, dass er sie in heftigen Belegungen gegeneinander stiess. Inzwischen bemerkte er, dass die Sonne ihren Höhepunkt überschritten hatte und nun begann, abwärts zu rollen. Trotz der grossen Erschöpfung verdoppelte er seine Schritte, um nur so bald als möglich den Wald zu erreichen. Der Frost wurde jede Minute stärker, bei jedem Schritt ward die Schneedecke tiefer, und der Wald war fern. Jetzt fühlte Reb Jekel wahre Sehnsucht nach ihm, wie nach einem Zufluchtsort, denn nicht weit dahinter winkte das Heim und lockte mit seiner Wärme und seinem Frieden. „Wo nur der Wald hingekommen sein mag?" dachte er im Gehen. ,Nur Eis und Schnee, so lange ich gehe. Die Sonne entflieht, und wenn sie nicht da ist, gleicht die Welt einem Eiskeller. Das wäre nicht übel, wenn ich mich verspäten würde; Geld hab' ich bei mir, eine volle Tasche Kupfermünzen und eine Menge Sachen dazu. Soll ich das etwa wegwerfen? . . . Oder soll ich es bis in die späte Sabbatnacht tragen?..... Hu, der Frost geht mir durch die Knochen, er krampft mir die Gedärme zusammen. Nur schnell vorwärts, Jekele, keine langen Pausen! Ja, wer nur schnell gehen könnte, aber der Schnee ist weich wie Teig; bevor ich den einen Fuss herausziehe, sinkt der andre hinein. 0 Gott, hilf mir, nur die Füsse etwas leichter zu rühren! Warum aber nur der Schnee hier so tief und locker ist? Eine Strasse muss doch ausgefahren sein. Anfangs war's nicht so. Oder . . . hab' ich mich gar verirrt? . . Bei diesem Gedanken fuhr ihm ein lähmender Schrecken durch die Glieder, der ihm fast die Besinnung raubte. Kein Zweifel, er hatte sich verirrt und war querfeldein abgebogen. Plötzlich würde ihm sehr heiss, seine Hände sanken herab und die Füsse schienen ihm den Dienst versagen zu wollen. Der Schweiss stand ihm in grossen, eingefrorenen Tropfen auf der Stirn. Er hätte sich am liebsten in den Schnee hingestreckt, um auszuruhen, aber rechtzeitig „erinnerte er sich an Aleksas Mahnung. Wie ein Lichtblick kam ihm der Gedanke, rückwärts seine eigenen Spuren zu verfolgen, bis er den Fahrweg gefunden. Inzwischen dämmerte es, Dunkelheit breitete sich über die Erde, und die weite, schimmernde Schneedecke nahm einen bläulichen Glanz an. Der Himmel war heiter, hie und da funkelte schon ein vereinzelter kleiner Stern, und Reb Jekel rannte seinem Ziele zu, kaum atmend, jedesmal stolpernd und gepeitscht von dem Gedanken, dass jedes Ruhehalten den Tod bedeute. ,0 Gott, h'lt^ i ^^-'^iWhJ , ' tf^f^^i^^ }£x3% - t^*%i*47* mm^ßM^ SÄ&fi^RP <^*rv; - ' t-v^r^M; >j-*Z -> 1 - * <* .; dy*^vV% L. PILTCHOWSKl. hilf mir nur, den Weg zu finden! Soll ich denn hier sterben, in dieser frostigen Nacht, unter freiem Himmel? Er horchte nach allen Seiten, ob nicht Gott sich erbarmt und einen Retter gesandt habe. Aber ringsum war alles öde und abgestorben, nur einige verlassene Bäume starrten vielarmig und eingefroren, wie Gespenster, in die Dunkelheit. Plötzlich verloren sich die Abdrücke im Schnee, und Reb Jekel fühlte, dass ihm das Herz stille stand. Nun war alles zu Ende. Er war dem Umsinken nahe. Aber was war das? Er bückte sich und erblickte zwei tiefe, parallel laufende Furchen im Schnee, wie sie nur ein schwerer Schlitten zurückgelassen haben konnte. Hier war der Fahrweg. Reb Jekels Herz wurde mit einemmai so weit, so voll Dankbarkeit, dass er kein Wort hervorbringen konnte. Er lispelte nur: „0 Gott, o Gott!" . . Nun musste gewiss bald wieder ein zweiter Schlitten kommen, und die Pein war zu Ende. Aber seine grosse Erschöpfung konnte er nicht bemeistern. „Nur ein wenig ausruhen, nur ein ganz klein wenig, nur einen Augenblick", bat er sich selbst um Erlaubnis und suchte die Stimme in seinem Innern zu betäuben, die ihm zurief, der Lockung zu widerstehen. „Nur eine kleine Weile will ich hier sitzen, Gottes Hilfe ist ja nahe." Er setzte sich in den Schnee hin und begann, die Lippen kaum bewegend, das Abendgebet zu murmeln. Doch bald überwältigte ihn eine grosse Müdigkeit, die sich wie ein Nebel verwirrend um seine Sinne legte. Nun war es hier warm und weich zu sitzen. Aus seinen Füssen war die Kälte ganz geschwunden, ja, er fühlte gar nicht, dass er Füsse hatte, auch Ohren, Nase und Fingerspitzen waren auf einmal warm. Ein wonniges, köstliches Gefühl durchrieselte seinen ganzen Leib. Aus weiter, weiter Ferne glaubte er eine Stimme .zu hören, die seinen Namen rief. Es war der Rabbi. „Reb Jekel, ist Reb Jekel nicht da?" Ja er ist da, und gleich wird er singen. Trotz der Betäubung, die ihn umfängt, fasst ihn ein grosses Staunen an. Er fühlt deutlich, dass er hier bis zu den Knieen im Schnee dasitzt, und doch sieht er sich klar, wie er auf dem Almemor steht, hoch über den Köpfen der versammelten Menge, und hört seine eigne Stimme, die „Lecho- Daudi" singt. Die ganze Synagoge ist ein einziges Meer von Licht. Alle tauchen darin unter und blicken ihn mit ihren flammenden Augen an, er aber singt und singt, ohne Aufhören. Langsam bewegt sich das Almemor nach oben, jene versinken immer AM WEGE.

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