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Ost und West · 1903-01-01 · Heft 1 (Januar 1903) · p. Seite 63 - 64

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 1 (Januar 1903)
Article
Lecho-Daudi
Date
1903-01-01
Page
Seite 63 - 64 (sequence 5)
Language
German
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63 Bmjamin Segel Lecho-Daudu 64 tiefer, und er erhebt sich immer höher und höher, und zwischen ihnen wogt ein endloses Meer von Strahlen und Tönen. * * * Der Schnee fiel in' dichten Flocken zur Erde herunter. Die Flocken wirbelten und tanzten in der Luft auf und nieder und verhüllten die Welt mit einem Schleier. Allgemach häufte sich am Wegrande ein Schneehügelchen an, und darunter schlief Reb Jekel den ewigen Schlaf. „11T11 von Dr. Jer Vor uns liegt ein merkwürdiges Buch: eine Sammlung litterarischer, ästhetischer, philosophischer Essais; voller Anregung, viel Esprit und Temperament, viel unverhüllte Wahrheit und ehrliche Vertiefung- Es sind Bekenntnisse und Analysen eines feinsinnigen Mannes, der im Alltagsleben durch ungewöhnliche Tüchtigkeit, zu den Höhen des Welthandel-Standes emporgestiegen ist. Aber das ist es nicht, was uns an dem Buch so besonders interessant ist und eine Besprechung an dieser Stelle mir zum Bedürfnis gemacht hätte. Das eigenartige Buch beginnt mit einem Mahnruf an das deutsche Judentum. Die prätenziöse Ueberschrift „Höre Israel!", die überdies von zartfühlenden, gläubigen Juden geradezu als blasphemisch empfunden werden muss, verspricht viel mehr, als der Aufsatz hält; aber immerhin bietet der Autor auf nur 20 Druckseiten Stoff genug zum Nachdenken, überreichliche Gelegenheit auch zu scharfer Kritik und entschiedenen Protesten. Wer R.'s Aufsatz oberflächlich liest, kann leicht zu dem Gesamturteil gelangen, dass er ein banales, ja frivoles Assimilantenstücklein darstelle und darum nicht verdiene, von uns gewürdigt und analysiert zu werden. Das wäre ein kapitaler Irrtum! Ich kann bei dieser Gelegenheit die Bemerkung nicht unterdrücken, dass wir nur allzu sehr geneigt sind, unsere azionistischen wie antizionistischen Stammesgenossen über einen Kamm zu scheeren, in den grossen Hexenkessel des Assimilantentums zusammenzuwerfen; etwa wie die Sozialdemokraten alle andern Parteien einer homogenen „reactionären Masse" zuzurechnen belieben. Der Begrifl Assimilationsjude deckt jedoch sehr differente Typen, und es giebt gewisse Spezies, über die wir nicht mit einem Achselzucken hinweggehen können, denen wir eine gewisse Beachtung, wenn man will sogar Achtung nicht versagen dürfen. Auch R., trotzdem er in seinen Folgerungen zur Empfehlung extremer Assimilation gelangt, verdient durchaus unsere Aufmerksamkeit; es lohnt, dass wir in die Tiefen und Untiefen dieser keineswegs charakterlosen Persönlichkeit hinabsteigen, sie aus Entwicklung und Milieu zu verstehen suchen. R. gehört nicht zu jenem Parvenü-Judentum, das 20 Jahre nach der ge- *) Impressionen v. Walter Rathenau, Leipzig. S. Hirzel, 1902. IONEN"*) mias (Posen). setzlichen Emanzipation sich breit zu machen und^den schlummernden Antisemitismus wachzurütteln verstand; seine Sphäre ist jene deutschjüdische Geistesaristokratie, die schon Jahrzehnte vor der eigentlichen Emancipation zu den sozialen und intellektuellen Höhen der vornehmen Welt aufgestiegen war und im Bewustsein ihrer alten und im Besitze der neuen Kultur die Menschenrechte längst nicht mehr erbat, sondern forderte. Diese Kreise haben, als der Antisemitismus wieder aufflammte, sich nicht mit Deutschtümelei prostituiert, sondern ohne viel Lamento sich keusch auf sich selbst zurückgezogen, mit dem Bewustsein ungerechten Leidens und in unwandelbarer Bethätigung allgemeiner Bürger- und Menschen - pflichten auf bessere Zeiten harrend. Statt dessen werden die Zeiten immer schlimmer, und ihr gebieterischer Ernst raubt auch diesen Kreisen die Ruhe geduldigen Zuwartens, entreisst ihnen einen lauten Aufschrei. Es ist also ein Zeitsymptom zugleich und ein Charakterzeichen für bestimmte Sphären deutscher Juden, wenn R.'s geistvolle Essaisammlung mit einer Diskussion der Judenfrage beginnt und mit ein paar schlichten Worten, in denen Verf. sich sofort als Jude bekennt, nicht — entschuldigt. Mit offensichtlichem Stolz hat er seinen „Impressionen" sogar „talmudische Geschichten" eingereiht, welche die Erhabenheit der jüdischen Ethik illustrieren und wohl auch illustrieren sollen. „Höre Israel" bringt auf den ersten Seiten ein Kernwort nach dem andern, das uns sogleich hoch authorchen iässt. „Einzelne meiner Stammesgenossen sind ehrlich genug, ihren philosemitischen Beschützern nicht mehr zu folgen; ihnen schliesse ich mich an." „Drohender als die wirtschaftliche erhebt sich die gesellschaftliche, die Kulturfrage .... Sie droht in allen Ecken des Reiches. Sie schwirrt durch die Schulstuben und Kollegiensäle, sie läuft durch die Strassen und mustert die Ladenschilder, sie rumort in den Geschäftsräumen und Werkstätten; sie steigt die Vordertreppen der Häuser vorsichtig hinauf und kichert die Hintertreppen hinab; sie spreizt sich in den Kasernenhöfen und klopft an die Thüren der Gerichtssäle." Er spricht von einem „halb freiwilligen, unsichtbaren Ghetto", von der fast leidenschaftlichen Abneigung, die die besten Deutschen gegen jüdisches Wesen hegen, und mag sich garnicht über „Tiefe und Breite der Strömung" täuschen.

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