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Ost und West · 1903-01-01 · Heft 1 (Januar 1903) · p. Seite 59 - 60

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 1 (Januar 1903)
Article
Lecho-Daudi
Date
1903-01-01
Page
Seite 59 - 60 (sequence 3)
Language
German
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59 Binjamin Segel: Lecho-Daudi. 60 Atem an und lauschen, indem die hinteren Reihen auf den Schultern ihrer Vordermänner liegen. Man klettert auf die Bänke, in die Fensternischen, aber nur wenige bekommen etwas zu hören, denn der Raum ist weit und die Menschenzahl gross. Reb Jekel aber verliert kein Wort. Dann löst sich die Spannung ein wenig, und der Rabbi sagt scherzend: „Reb Jekele, es ist eigentlich unrecht von mir, dass ich dich Lecho-Daudi singen lasse." Hier streichelt er ihm die Wange. „Wenn ich nachher zu beten beginne, kann ich die Gedanken nicht zusammenhalten. Sogleich kommen deine Triller und hüpfen und tanzen mir im Kopfe herum, dass ich keine zwei Worte zusammenbringe." Reb Jekel lächelt etwas verlegen, und der Rabbi -tegt ihm die Hund auf die Schulter und fährt fort: „Aber was soll ich sündiger Mensch thun? Ich muss deinen Lecho-Daudi hören. Es thut mir wohl, und ich fühle, dass bei deinem Gesänge mir die Neschama jessera **) kommt. Ja, ja." Jetzt ruht die Hand des Rabbi wie segnend auf Reb Jekels Haupt, dessen Gesicht von einem glückseligen Lächeln erstrahlt, während die andern ihn neidvoll und zugleich wohlwollend ansehen. Ja, wer auch so singen könnte! Aber singen, das kann nur Reb Jekel allein. Wohl hat man schon viele Chasonim in der Welt gehört. Doch keinem ward in dem Masse die Gabe zu teil, die Seelen zu rühren. „Wisset ihr, meine Lieben," nimmt der Rabbi nach einer Pause wieder das Wort, „mein Grossvater, der im Himmel weilt, pflegte zu erzählen ..." Hier senkt er etwas die Stimme und beginnt .von jenem berühmten Chassid zu erzählen, der so wunderbar sang, dass kein Mensch ihm widerstehen konnte. Einmal verirrte er sich im wilden Wald, er wanderte und wanderte und konnte keinen Ausweg finden. Räuber überfielen ihn, schlugen ihn in Fesseln und wetzten schon die Messer, um ihm den Garaus zu machen. Da besann er sich, dass es Freitag abends war, und er wollte nicht ohne Gebet aus dieser Welt scheiden. Und er flehte die Mörder an, ihn noch ein Stündchen am Leben zu lassen, um nur das Sabbatgebet verrichten zu können. Und er begann zu singen und sang ohne Aufhör, denn sein Herz war sehr bewegt. Bis die Banditen, überwältigt und zerknirscht, sich ihm zu Füssen warfen und um Verzeihung baten. Sie bereuten ihre Sünden, thaten Busse und wurden fromme Leute . . . Unzählige Male hatte man diese Geschichte vernommen, und doch war sie jedesmal den Hörern neu, und jedesmal überlief sie von neuem ein Grauen, welches sich in einen Wonneschauer auflöste. Dann folgte eine Reihe Geschichten von Chasonim und Synagogensängern, eine wunderbarer als die andre. Von jenem, der am **) Die „höhere Seele", die, dem Volksglauben gemäss, den ganzen Sabbattag lang im Herzen des Menschen wohnt. Versöhnungstage, während er den Psalm ,,Aus den Tiefen ruf ich zu dir" vortrug, vor dem Altar in himmlischer Verzückung seine Seele aushauchte. Oder von jenem andern, dessen Gesang einen Fürsten, der alle Juden seiner Stadt eingekerkert hatte, um sie umzubringen, so tief rührte, dass er die Gefangenen freigab. Am meisten erregte die Teilnahme das Schicksal der „Nachtigall". Das war jener Wunderjüngling, dessen Augen so leuchteten wie die Sterne, und dessen Stimme wie die einer Nachtigall klang. Die Schlossgräfin hatte ihn belauscht und trug sündhafte Gelüste nach ihm. Er floh, aber die böse Frau verfolgte ihn überallhin und drohte der ganzen Gemeinde mit ihrem Zorn. Da betete er zu Gott, dass ihm das Licht aus den Augen und die Stimme aus der Kehle genommen werden möchte. Seitdem hatte niemand mehr einen Laut von seinen Lippen vernommen; stumm und blind irrte er bis an das Ende seiner Tage von Stadt zu Stadt und von Land zu Land . . . Bei der Erinnerung an diese Geschichte wurde Reb Jekel von der Rührung so übermannt, dass er heisse Thränen aus den Augen hervorquellen fühlte. Und der Rabbi, wie er sich den Bartzipfel kräuselt und horcht, die grosse Stube mit ihren dunkel flackernden Kerzen, kurz: alles stand ihm so lebendig vor der Seele und beschäftigte ihn so sehr, dass er erst aus dem Sinnen erwachte, als seine Sohlen tiefer in den Schnee versanken. Hier schien der Weg aus der Versenkung hervorzutreten, um in gleicher Höhe mit den Feldern dahinzulaufen, man musste also aufpassen. Der Schnee war locker und nicht eingestampft wie bisher, und Gott allein mochte wissen, was für Untiefen die verräterische weisse Decke verbarg. Auch die grimmige Kälte glaubte Reb Jekel erst jetzt zu fühlen, denn seine Füsse waren trotz des eilenden Ganges ganz erstarrt, und die Finger froren ihm in den Aermeln, wohin er die Hände wie in einen Muff verborgen hatte. Sogar die Brauen waren ihm angefroren, und der Bart hing voller Eiszapfen. Er fühlte eine grosse Ermüdung und verlangsamte seine Schritte. Spähend wandte er sich nach rückwärts und horchte, ob er nicht das Klingeln einer Schelle vernähme, die eine Holzfuhr ankündigte; gegen ein massiges Trinkgeld würde ihm der Bauer auf dem Stoss ein Plätzchen gewähren. Doch es war nichts zu hören oder zu sehen. Ein wenig enttäuscht ging er seinen Weg und watete in dem lockeren Schnee. ,Hu, wie kalt!' dachte er. ,Wer jetzt zu Hause wäre und beim Ofen sässe und sich den Rücken daran riebe! .... Wenn ich erst den Wald hinter mir hätte, es wäre nicht mehr so weit. Dann kommt gleich ein Dorf, dann ein zweites, und gleich zeigen sich die ersten Häuschen der Stadt. Wenn nur dieser Schnee nicht wäre, in den ich jedesmal bis über die Knöchel versinke! Und keine Wegspur ist wahrzunehmen, es scheint fürchterlichen Schneesturm in der Nacht gegeben zu haben, alles ist verweht. Und kalt ist's, dass das Blut in den Adern stockt . . Reb Jekel schlug im Gehen die Hände gegeneinander, um sich zu erwärmen. Die Füsse schmerzten ihn vor

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