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Ost und West · 1903-01-01 · Heft 1 (Januar 1903) · p. Seite 57 - 58

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 1 (Januar 1903)
Article
Lecho-Daudi
Date
1903-01-01
Page
Seite 57 - 58 (sequence 2)
Language
German
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57 Binjamin Segel: Lecho Daudi. 58 Mensch, aber was verstand ein Bauer von solchen Sachen? Natürlich wäre es vergebens gewesen, ihm begreiflich machen zu wollen, was es heisst, gerade am heutigen Abend den Weihebecher an seinem eigenen Tische zu leeren und dann beim Sabbatmal zur Rechten des Rabbi zu sitzen und die Tischlieder zu singen . . . „Pah, der Frost wird mich nicht aufessen. Nein, Aleksa, sei ohne Sorge. Hat man schon viele Erfrorene gefunden? Du sollst sehen, Sonntag, so Gott will, bring' ich dir aus der Stadt ein blankes Messer mit und einen Tabakbeutel, wie du ihn schon lange haben möchtest." In Aleksas Augen blitzte es auf; aber er versetzte: „Wenn Ihr wenigstens einen Pelz hättet, oder ein Paar Tuchstiefel! Aber in diesem federleichten Kaftan! In Euern Stiefeln freilich wird der Wind sich nicht lange aufhalten. Durch das eine Loch geht er hinein, und durch das andere hinaus. Hahaha, nicht wahr? Aber ich will Euch wenigstens etwas Stroh unter die Sohlen stopfen." Damit entfernte sich der Knecht, und Reb Jekel begann seine Siebensachen zu packen. Er musste sich beeilen, wenn er rechtzeitig anlangen wollte. Die neunte Morgenstunde war schon vorüber, und doch hatte es sich kaum aufgehellt. Um vier Uhr war es schon wieder dunkel. Und der Weg war lang, mehr als fünf Meilen; man hatte endlose Felder und Wiesen zu passieren, auch an einem Wald kam man eine Strecke lang vorbei. Als Reb Jekel an den Wald dachte, überlief es ihn ein bischen kalt. Dort sollten nämlich, wie man sich erzählte, Wölfe hausen, welche besonders im Winter die Gegend auf einige Meilen hinaus unsicher machten. Indessen, das thaten sie nur bei Nacht, bei Tag war keine Gefahr, auch konnte man dort gerade Holzfuhren begegnen, die für wenige Kreuzer einen gerne nach der Stadt bringen. Aber gegen die Kälte musste man sich in der That schützen. Reb Jekel betrachtete die Fensterscheiben, an denen üppige Eisblumen blühten, und zog seine drei alten Westen, eine über die andere, an. Dann wickelte er sich noch einen fadenscheinigen Shawl um die Brust und band sich ein Wolltuch um den Hals. Mit Aleksas Strohflechten in den Stiefeln konnte er sich in den Frost hinauswagen. So ausgerüstet, zählte er nochmals die fünf Gulden Honorar, die ihm der Hausherr teils in zerknüllten, fettigen Banknoten, teils in schweren Kupfermünzen eingehändigt hatte, durchlief in Gedanken die vielen Aufträge der Wirtin, und eine Melodie summend, küsste er die Mesusah*) und machte sich auf den Weg. Am Thore standen der Hausherr und seine dicke Frau. „Guten Sabbat! Bleibt gesund!" empfahl sich Reb Jekel. Der Hausherr brummte sein „Hm, hm!" und die *) Ein das jüdische Credo und sonstige Bibelstellen enthaltender Pergamentstreifen, am Thürpfosten in einem Gehäuse befestigt; wird beim Kommen und Gehen geküsst. Frau begann mit ihrer Fistelstimme, die in schreiendem Widerspruch zu ihrem Leibesumfang stand, zu keifen: „Dass Ihr mir nicht vergesst, Sonntags Schlag zwölf zurück zu sein. Die Jungens können doch nicht den ganzen lieben Tag müssig umherspringen. Und vergesst auch nicht, Hefe mitzubringen, und Nadeln und Papier und Seife und Oel und Kaffee, und alles übrige. Geld hab' ich Euch ja mitgegeben." Reb Jekel suchte das Weite. Doch bald ereilte ihn Aleksa, der ihm nachlief, um ihm noch einige gute Ratschläge mit auf den Weg zu geben. Da der Schnee alle Spuren verweht hatte, so empfahl es sich, die Hauptstrasse einzuhalten und keine Seitenwege aufzusuchen, um etwas rascher zum Ziele zu kommen. Gegen das Erstarren der Finger oder der Nase wTäre das beste Mittel, sie mit einer Handvoll Schnee kräftig einzureiben; aber sitzen bleiben, um auszuruhen, dürfe man keinesfalls, und wenn der Schweiss in Scheffeln vom Körper rinne, denn das wTäre der sichere Tod. „Passt gut auf, Panie Jekel, und Gott geleite Euch!" Der Bauer lüftete, freundlich grüssend, die Mütze und kehrte um. Reb Jekel verschwand an der Biegung der Strasse, wo ihn bald die schneebedeckten Felder umfingen. Der Frost war stark und drückte wie eine schwere Last auf die Erde, welche mit einer dünnen Glaskruste überzogen schien; überall funkelte und glitzerte der Schnee von den schrägen Strahlen der Sonne, die nahe am Himmelsrande hing und leuchtete, ohne zu wärmen. Bei jedem Schritt liess sich ein scharfer, knisternder Ton vernehmen, und wenn Reb Jekel atmete, legte sich ihm gleich ein Reif auf den Schnurrbart. Er ging rasch, um sich warm zu halten, und da er Langeweile verspürte, liess er die Gedanken vorauseilen und gedachte seiner Frau, die ihn erwartet und nun emsig schafft, um diesen besonderen Sabbat würdig zu feiern. Woher -nur die Arme das Geld dazu genommen haben mag? Ohne Zweifel hat sie die Messingleuchter verpfändet. Auf dem Tisch werden ihn die Sabbatlichter, in zwei grossen, ausgehöhlten Kartoffeln steckend, begrüssen. Doch was thut das? Er sah das kleine Stübchen deutlich vor Augen, in welchem etwas Poetisches, etwas Festlich-Freudiges jeden Winkel erfüllt. Er stimmt ein Lied an, während auf der Tafel die Fische dampfen . . . Denn Fische hat sie gewiss besorgt, die kleine, gute Frau. Wer in der ganzen Welt versteht es denn auch, so Fische zu bereiten wie sie? Die haben einen Duft und einen Geschmack . . . na! . . . Hier begann ihm der Mund zu wässern, und der leere Magen knurrte ein wenig. Reb Jekel schämte sich, jetzt so ohne weiteres ans Essen zu denken, und bemühte sich, seinen Gedanken eine andere Richtung zu geben. Er malte sich aus, wie er nach dem Abendessen an den Tisch des Rabbi gehen würde. Alle machen ihm Platz, er erhält einen Sitz zur Rechten des Zaddik, eine herzliche Begrüssung folgt, und dann beginnt die „Thora"*). Alle halten den *) Moralisch-homiletische Tischrede des Rabbi.

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