Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1903)
- Article
- Lecho-Daudi
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 55 - 56 (sequence 1)
- Language
- German
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55 56 Von Binj Aus dem Hebräischen „Komm, o Freund, der Braut entgegen, Königin Sabbat lass uns empfangen!" Dieses Verslein trällerte Reb Jekel Melammed oft leise vor sich hin, während er vergnügt in der niedrigen Stube auf und ab ging und seinen Gebetmantel zusammenfaltete. Oben an' der Wand qualmte die Lampe und erhellte nur schwach den Raum; durch die Fenster drang der blaue Schein des erwachenden Wintertages. Draussen musste ein grimmiger Frost sein, denn die Scheiben waren von einer dicken Eiskruste überzogen, aber im Herzen Reb Jekels herrschte eitel Freude und Wärme. Denn heute sollte er sie alle auf zwei, drei Tage los werden, nämlich seine Schüler, die vier Holzklötze, welche ihn um seine Lunge brachten, wenn er ihnen den Wochenabschnitt aus der Bibel erklären sollte, und ihren Vater, den brummigen, verbauerten Schankwirt, der jeden Gruss nur mit einem „Hm! hm!" beantwortete, und seine dicke Ehehälfte, die ewig keifende und fluchende Hausfrau. Reb Jekel fühlte sich hier wie in der Hölle, aber es war offenbar Gottes Wille, dass er in diesem entlegenen Dorfe, in dieser Einöde, unter ungeschlachten und rohen Menschen, noch einen Winter hindurch das peinvolle Dasein eines Hauslehrers fristen sollte. Und Reb Jekel murrte nicht. Doch jetzt, da er auf den Sabbat Chanuka nach Hause sollte, war er freudig erregt, wie wenn ihm ein grosses Glück bevorstünde. Was war das aber auch herrlich, einen Sabbat, und erst einen solchen, daheim bei den Seinigen zu verleben! Man musste, wie er, zwei Monate in der Fremde, in dieser Umgebung verlebt haben, um dies fühlen zu können. Darum drängten sich ihm die zwei fröhlichen Verse des Sabbatliedes auf die Lippen, und auch noch viele andere Verse und Melodien, die er aber hinunterschlucken musste, denn der Hausherr liebte nicht, dass man sang. Dafür wollte er sich heute Abend schon schadlos halten. Dass er und kein anderer beim Abendgottesdienst in der dichtgefüllten, lichtstrahlenden Synagoge das Lecho-Daudi*) singen werde, stand fest. Sobald man nämlich zu dieser Stelle kam, hielt der Vorbeter gewöhnlich inne, und der Rabbi, in einem Winkel am äussersten Ende der Ostwand, wendete sein schneeiges Haupt und rief über die Versammelten hinweg: „Reb Jekel! Ist Reb Jekel nicht da?" Und wenn Reb Jekel da war, musste er hinauf und das Lied vortragen. Es dauerte eine geraume Weile, bis er sich zum Almemor hindurchdrängte, besonders an einem „guten" Sabbat, wie der von Chanuka, da Chassidim aus allen Weltgegenden zum Rabbi kamen und die Synagoge voll war, dass keine Stecknadel zur Erde fallen konnte. Das murmelte und raunte und *) So heisst die oben erwähnte Sabbat-Hymne. >-DAUDI. amin Segel, übersetzt vom Verfasser. rauschte wie ein vom Winde bewegter Wald. „Wer ist das? Wer ist das?" „Ah, Reb Jekel wird Lecho- Daudi singen!" Dann stimmte er das prächtige Lied an, und die Leute wurden still, dass keiner Atem zu holen wagte. Zuerst sang er leise, gleichsam zagend und unsicher, denn Reb Jekel war schüchtern, und wenn er fühlte, dass all diese unzähligen Augenpaare auf ihn gerichtet waren, wurde er vollends befangen. Allmählich aber riss ihn der Strom des eigenen Gesanges fort, er vergass alles ringsum, und aus der Kehle drangen ihm die Töne in mächtigen Wellen, bald sanft und kosend, bald wie ein kräftiges Brausen. Der Rabbi schloss gleich die Augen, um besser hören zu können; durch die Menge lief ein Flüstern: „Ah, ah!" Nach einer jeden der ersten paar Strophen fielen sie mit fürchterlichem Getöse ein, dass man meinen konnte, die Wände würden einstürzen. Stufenweise jedoch schien der Gesang sie wie durch einen Zauber zu bannen; manche beugten sich mit gespitzten Ohren vornüber, andere seufzten vor Wonne oder stiessen einzelne verzückte Laute hervor, wieder andere liessen die Köpfe sinken, wie träumend, oder als hätte der Sänger sie in ferne, unbekannte Welten entführt. Da waren besonders zwei Strophen, welche die stärkste Wirkung übten. Die eine war wehmütig, schmelzend und weich wie die Trostworte einer Mutter; die andere tönte kraftvoll und munter, jauchzend, wie ein Jubel- und Weckruf. Bis der letzte Ton verklang und Reb Jekel wie aus einem Zauberschlaf erwachte. Während er auf seinen Platz zwischen Thür und Ofen zurückkehrte, streckten sich ihm unzählige Hände entgegen, man zauste und zupfte ihn: „Oj, oj, Reb Jekel, ach!" oder: „Na, na, Reb Jekel, war das aber ein Singen!" Ein heiteres Lächeln spielte um seine Lippen bei diesen Erinnerungen, und er überlegte eben, welche Melodie für diesen Abend die passendste wäre, ob die vom „grossen Zaddik" in tiefen, schwellenden Accorden komponierte oder jene von Jerucham, die leicht und hüpfend war, als Aleksa, der Knecht, eintrat und eine Schüssel mit dampfendem Brei, einen Laib Schwarzbrot und einen Salznapf auf den Tisch hinstellte. Reb Jekel sollte frühstücken, aber sein Herz war so bewegt, dass ihm die Speise nicht über die Lippen wollte. Aleksa machte sich an das Aufräumen der Stube und sagte: „Ei, ei, Panie Jekel, Ihr wollt also just bei diesem Frost nach Hause gehen? So giesst Euch doch wenigstens den Bauch voll, das wärmt unterwegs. Freilich, ich möchte Euch geraten haben, hübsch in der Stube zu sitzen und nicht die Nase vor die Thür zu stecken. Wartet ein paar Tage, vielleicht lässt der Frost nach. Euer Haus läuft Euch ja nicht davon. Welcher Teufel reitet Euch, gerade heute heimzulaufen?" Reb Jekel lächelte überlegen. Aleksa war ein guter