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Ost und West · 1903-01-01 · Heft 1 (Januar 1903) · p. Seite 47 - 48

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 1 (Januar 1903)
Article
Leopold Pilichowski
Date
1903-01-01
Page
Seite 47 - 48 (sequence 4)
Language
German
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47 David Frischmann: Leopold Pilichowski. 48 aber die Verhandlungen - zerschlugen sich an-der Hartnäckigkeit des Künstlers, der schon damals so naiv war, für seine Arbeiten einen nennenswerten Preis zu fordern. Im Jahre 1895 bekam er Heimweh nach der polnischen Landschaft. Er kehrte zurück und malte nun wieder Sonnenscheine, Schneegestöber, Sümpfe und ganz besonders Mondnächte. Die alte Liebe zur Nacht war wieder erwacht. Schon einige Jahre vorher hatte er an einem Nokturno gemalt, der viel Nachtgesang enthielt, nun malte er wieder einen Mondaufgang überm Teiche, in welchem so viel von einem nächtlichen Märchen zu verspüren war. Ich will nun aber schon von jenen Bildern sprechen, in denen seine Eigenart am meisten und sein „Können" in voller Blüte zur Anschauung kommen. Ich meine seinen „Wollfärber", sein „Dolce far niente", seinen „Wintermorgen" und seine Juden. „Ein jüdischer Wollfärber". Das Bild zeigt einen Arbeiter beim Schaffen. Sehnen und Muskeln wie die Stränge (Muskelerweiterung als Folge des Arbeitens). Das Gesicht hat den Ausdruck des Resignierten oder doch des Menschen, der gar nicht weiss, wieviel Kraft er hat und nicht ahnt, wieviel wert sie ist. Seit Jahren rinnt der Schweiss seines Angesichts und verspritzt sich das Blut seiner Adern für seinen Herrn. So ist es gestern gewesen, so wird es morgen sein; heute aber hat er das Bündel in den Bottich der schwarzen Farbe zu legen, denn er färbt gerade schwarz. Ach, er weiss selber nicht, wie schwarz das ist! Wir sehen hier den Künstler in seinem vollen Können. Er ist zielbewusst geworden und weiss, was er sagen will und wie er es zu sagen hat. Uebrigens ist das Bild vorzüglich in der Zeichnung, weist eine ausserordentliche Genauigkeit in der Wiedergabe der Gegenstände auf und in der Behandlung der Formen, ist keck hingeworfen — man wäre geneigt, anzunehmen, dass es in Einem Sitze entstanden ist — und hat viel Kraft in Ausdruck und Kolorit. „Dolce far niente" besitzt dieselben malerischen Vorzüge, ist aber noch viel dreister komponiert Auf dem Treppenabsatz eines Hausflurs oder Thorwegs sitzt ein Arbeiter, das müde Haupt an die Mauer gestützt, so der süssen Ruhe pflegend. Sein Töchterchen, wohl eine Waise mutterseits, hatte ihm die schmale Kost in einem Töpfchen wohl gar aus der weiten Vorstadt gebracht, und ermüdet — die Kleine ist Wirtin, Köchin, Stubenmädchen, Waschfrau und Vorsteherin des übrigen kleinen Gesindels im Hause, Alles in Einer Person — setzte sie sich gleichfalls auf den Treppenabsatz hin, um etwas auszuruhen, und blickt nun mit ihren Waisenaugen in irgend eine weite Ferne. Ach, es ist die reine Ironie, der einfache Spott, die wahre Parodie auf die Reichen! Ich glaube, man hört mitunter ganz deutlich das stille Kichern des Künstlers, das da besagt: Habt ihr Reichen euer Dolce far niente auf weichen Sammetpfühlen, warum sollen es nicht auch die Armen haben, L. PILICHOWSKI. STUDIENKOPF. und wenn auch nur auf einem Treppenabsatz in einem Thorweg an der harten Mauer? Aber reif, mächtig und im Vollbesitze seines Könnens sehen wir den Künstler in seinem „Wintermorgen". Das Bild hat viel Stimmung, tiefen Ernst, ist wie eine Anklage und wirkt wie eine Herausforderung. Es zeigt übrigens den Künstler auch in seinem ganzen malerischen Können. Eine breite Strasse einer Grossstadt. Im Vordergrunde ein Haus im reichen Barockstile, etwas weiter einige Häuser leicht hingeworfen, eine traurig aussehende Allee, und im Hintergrunde ein hellbeleuchtetes Fabriksgebäude. Der schrille Pfiff der Fabrik ruft die Arbeiter, wie die Hunde, zur Arbeit. In der Nacht war Schnee gefallen. Nun liegt er rein und frisch da, nur hie und da die Spuren menschlicher Schritte. Es ist kalt, still, eine Winterluft, und man sieht die gebückten verfrorenen, nicht ausgeschlafenen Gestalten von Arbeitern und Arbeiterinnen, die sich zur Arbeit schleppen. Die Gaslaternen, vor dem Verlöschen beim nahenden Morgen, flackern düster, man fühlt gleichsam die Feuchtigkeit des Schnees und den anbrechenden Tag. Das Bild hat viel Empfindung. Man könnte stundenlang vor demselben stehen und darnach blicken. Man muss unwillkürlich an Hauptmanns „Weber" denken. Es ist eine Anklage, und ach, so stumm, sodüster. Wer wird sie hören? Wann wird man sie erhören? Ja, die Arbeiter hatten es ihm angethan, dem Pilichowski, aber mehr noch als sie hat es ihm ein anderer Schlag leidender Menschen angethan: Die Juden. Es haben schon Andere vor ihm und viele neben ihm Juden gemalt. Sind es doch eigenartige Stoffe, die man sich aus dem Leben dieser Menschen holt; ist es doch ein Stück fremden Ostens, das man hier dem Westen zeigen kann; hat es doch einen eigenartigen Reiz, ein Stück Gasse im Saale aufgehängt zu haben,, schon des Kontrastes wegen. Höchstens haben die Künstler noch das Zarte, das Innige, das Idyllenhafte in ihre Juden hineinzumalen. Nun aber kommt Pilichowski und tritt garnicht so zart auf den seidenen Strümpfen der Idylle auf. Seine Bilder sind etwas derber. Es sind Novellen humoristisch-sarkastischer Natur, kleine Dramen

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