Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1903)
- Article
- Leopold Pilichowski
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 49 - 50 (sequence 5)
- Language
- German
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49 David Frischmann: Leopold Pilichowski. 50 grosser Leiden, und schon wieder hört man's wie stumme Anklage. Selten nur giebt er auch eine Idylle zum besten. „Die Ermüdeten". Zwei hausierende Bündeljuden sitzen, ermüdet vom vielen Laufeh durch unzählige Hinterhöfe, auf dem Treppenabsatz eines herrschaftlichen Hauses — oder ist's eine Synagoge? — und sind eingeschlummert. O Engel des reichen Hauses oder der Synagoge, schützet und schirmet die Müden t Das Bild ist vorzüglich gezeichnet, zeugt von einer kenntnisreichen technischen Behandlung und der Anwendung des entsprechenden Kolorits zum Thema. Das Ganze ist ein Seufzer über unverschuldetes Elend. Noch ernster und trister im Sujet ist „Das Leben", ein verloren gegangenes Leben eines Menschen. Es behandelt teilweise wieder denselben Gegenstand. Ein alter Hausierer ruht eine Minute lang aus. Er ist nachdenklich geworden. Vielleicht morgen schon klopft der Tod bei ihm an, und noch hat er wohl kein einziges Mal sich ganz satt gegessen. Und dennoch trifft ihn überall der Hass, und Christenkinder bewerfen ihn oft mit Steinen und rufen ihm „alter Dieb!" ins Gesicht. Warum? Und ist das ein „Leben"? Eine schöneStudie ist „der Kopf Salomons". Es wird in ihm auf besonders interessante Weise der Gesichtsaus druck des denkenden Dichters oder des dichtenden Denkers zur Anschauung gebracht. — Ebenso interessant und fein in der Ausführung ist das Bild „In freien Augenblicken". Ein Jude, Kleinhändler, sitzt vor seiner Ladenthür, in Erwartung kommender Kundschaft; einstweilen aber — nicht sowohl um die Zeit der saison morte noch toter zu schlagen, als um das Wort Gottes, von dem es heisst, „Du sollst Tag und Nacht darin forschen", nicht zu vernachlässigen — blickt er in einen Talmudfolianten hinein und studiert lautlos. Anders ist das Wesen des Ganzen im Bilde „Beim Talmud." Auch hier ist der Jude mit dem Talmudstudium beschäftigt. Aber es ist nicht mehr das Studium des toten Buchstaben, von einem Dilettanten nur L. PILICHOWSKI. ad gloriam Dei gepflegt; es ist das Studium des lebendigen Geistes und ein liebevolles Vertiefen in sein Wesen Es ist Samstag nachmittags. Das weise Linnen liegt über den Tisch gebreitet. Ein jedes Winkelchen atmet ruhige Heiligkeit. Ein alter Jude siztt über dem Folianten und grübelt; etwas in dem Tossaphoth hapert wohl, oder will's in einer dunkeln Stelle des Maharschah nicht ganz hell werdn? — Die gespreizten, nervigen Finger scheinen's zu bezeugen. Anders aber die gemächlich stützende Rechte unter dem jarmolkatragenden Haupte und 'die nachlässig freigehaltenen Füsse: sie scheinen zu bezeugen, dass der Mann sich heut am Sabbath um nichts in der Welt kümmert und wenigstens einmal sich so ganz glücklich und ruhig und zufrieden fühlt. Ausser Kraft im Ausdruck besitzt dieses Bild auch viel Reinheit und Glanz im Kolorit. Und nun noch die Idylle: „Ein Sabbatvorabend." Es ist das Seitengässchen eines kleinen Städtchens; man würde kaum glauben, dass so ein kleines Nest so viel des Glückes umfassen kann. Welches Leben, welche Bewegung, welche Ruhe. Man begegnet einander und schwatzt, man macht einander Besuche und amüsiert sich, man sitzt und hält Siesta, ein Rabbiner kommt aus irgend einem Haus, aus einem Bet- Hammidrasch etwa, man kichert, man politisiert, Weiber klatschen — es ist ein wahres Eden auf Erden. In kompositioneller Hinsicht ist das Bild eines der besten dieses Genres. Auch sind die einzelnen Figuren treu dem Leben abgelauscht. Das Ganze hat viel Stimmung und hier und da kichert auch der Humor leise heraus. Stimmung, tiefes Empfinden, Humor, Grübeln über soziale Rätsel, Menschenkenntnis einerseits und malerisches Können und feine technische Arbeit andererseits zeichnen Pilichowski besonders aus. Wenn er doch erst air jene Sujets und Motive, von denen er mir oft gesprochen, bearbeiten, oder wenigstens all' jene Skizzen, die ich von ihm entworfen gesehen, ausführen wollte! Letztens erzählte er mir, er male an einem Bilde, das einen Juden zeigt, wie er behutsam und so zart DOLCE FAR NIENTE.