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Ost und West · 1903-01-01 · Heft 1 (Januar 1903) · p. Seite 37 - 38

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Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 1 (Januar 1903)
Article
Geistige Strömungen im Judentum
Date
1903-01-01
Page
Seite 37 - 38 (sequence 5)
Language
German
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37 Dr. S. Bernfeld: Geistige Strömungen im Judentum. 38 L. PILICHOWSKI. IN FREIEN AUGENBLICKEN. Einzelheiten wird die Geschichte eine Gesamtthätigkeit formen. Die Zeit ist vorüber, wo sich jeder Jude in eine geistige Uniform stecken Hess, wie sie ihm von aussen her oder in der Gemeindestube vorgeschrieben wurde. Wir streben nunmehr nach geistiger Freiheit, nach Wahrheit. Es muss eine herrliche Saat werden, deren Boden von diesem Tau getränkt wx>rden ist! III. In der osteuropäischen Judenheit herrscht ein reges geistiges Leben. In Wahrheit muss man nur von den Juden in Russland und Polen sprechen, denn unsere Stammesgenossen in Galizien und in Rumänien stehen wohl kulturell jenen in der russischen Monarchie ziemlich nahe, aber sie reichen an sie nicht heran in ihrer schöpferischen Kraft.. Die Juden in Russland und in Polen sind ein lebendiges Beispiel jüdischer Kraft und jüdischer Unverwüstlichkeit. Sie leben unter den denkbar ungünstigsten politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen; ihre materielle Not ist unbeschreiblich und leider ist sie im Steigen begriffen. Und mitten in diesen Drangsalen herrscht da eine geistige Regsamkeit, die geradezu ^wunderbar erscheint. Die russischen Juden sind jetzt die einzigen, die ein eigenes, selbständiges und durchaus modernes Kulturleben haben. Vor allem ist es staunenswert, welche Fülle von neuartigen Ideen in der neuerstandenen hebräischen Litteratur vorhanden ist. Gewiss ist dort die hebräische Sprache stets mehr oder weniger die Bildungssprache der Juden gewesen. Aber neben der religiösen Bedeutung dieser Sprache diente sie einerseits in der Korrespondenz, andererseits auch als Literatursprache, jedoch ohne jede Originalität. Noch vor zehn Jahren war ein originales Werk in hebräischer Sprache eine Seltenheit. Jetzt ist eine bedeutsame Wandlung eingetreten. Immer neue litterarische Kräfte treten auf verschiedenen Gebieten hervor, und in den letzten Jahren ist eine neue Epoche im hebräischer Schrifttum geschaffen worden. Noch kann man kein abschliessendes Urteil über dieses Schrifttum formulieren, aber zweifellos wird man schon jetzt sagen müssen, dass die hebräische Sprache nicht mehr zur „toten" gezählt werden kann. Ich will von den täglich erscheinenden hebräischen Zeitungen nicht reden, da sie nur dem Tagesbedarf dienen und selbst keinen Anspruch darauf machen, der Literaturgeschichte einverleibt zu werden. Aber in der letzten Zeit sind Bücher wissenschaftlichen, belletristischen und poetischen Inhalts erschienen, die in europäische Sprachen übersetzt zu werden verdienen, zum Teil auch übersetzt worden sind. Das letzte Jahr war leider eines der magersten nach dieser Richtung. Die Bewegung wird durch die ungünstige wirtschaftliche Lage eingedämmt. Die Kaufkraft des jüdischen Publikums hat entschieden in den letzten Jahren abgenommen; dazu kommen noch die Ansprüche, die an die russischen Juden für verschiedene Zweige der öffentlichen Wohlthätigkeit gestellt wurden. Die Hungersnot in Südrussland, bedeutende Brände in den Städten des sogenannten „Ansiedelungsrayons" und dergleichen Unglücksfälle haben die materiellen Kräfte der russischen Judenheit nahezu erschöpft. Dass darunter auch die Kultur auf gaben leiden mussten, ist klar. Der Brennpunkt des geistigen Lebens der russischen Judenheit ist zweifellos der Zionismus, der zwar auch dort sowohl von den Liberalen links wie von den Frommen rechts angefeindet wird, aber doch in sich Elemente aller Parteienrichtungen birgt. Im Sommer hat die Konferenz der russischen Zionisten in Minsk stattgefunden, die sich zu einer grossartigen Kundgebung des jüdischen Volkes gestaltete. Es lässt sich nicht in Abrede stellen, dass sich der Zionismus hier zum erstenmal in seinem vollen geistigen Inhalt gezeigt hat. In Minsk spielte die äussere parlamentarische Form keine solche Rolle, wie auf den allgemeinen Zionistenkongressen in Basel und London; auch fehlte da die Persönlichkeit, die

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