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Ost und West · 1903-01-01 · Heft 1 (Januar 1903) · p. Seite 35 - 36

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Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 1 (Januar 1903)
Article
Geistige Strömungen im Judentum
Date
1903-01-01
Page
Seite 35 - 36 (sequence 4)
Language
German
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35 Dr. S. Bernfeld: Geistige Strömungen im Judentum. 36- Ausserdem soll man nicht vergessen, das die Verknüpfung der politischen Rechte mit der Staatsangehörigkeit eine Verirrung unserer Zeit ist, von der man noch vor hundert Jahren nichts gewusst hat. Die Staatsangehörigkeit gewährt ein Recht auf das Bürgertum; die Vaterlandsliebe ist dessen ethische Grundlage. In der Liebe zum Vaterland, d. h. zu ihrer Heimat, stehen auch die nationalgesinnten Juden niemandem nach! Ausserdem lehrt die Erscheinung, dass unsere Gegner jede Sonderung, auch die religiöse, dazu benutzen, um uns unsere politischen Rechte abzusprechen. Hören wir doch einmal auf, in allem und jedem die anderen um ihre Meinung zu fragen! Von der jetzigen Strömung in der Judenheit ist eine Klärung nach der Richtung zu erhoffen, dass man die verschiedenen Bestrebungen im Judentum zu einem Punkt vereinige. Oft ist gegen sie der Vorwurf geäussert worden, sie sei ein störendes, zersetzendes Element in der Gemeinde. In Wahrheit aber ist das Gegenteil davon der Fall. In manchen grossen Gemeinden — so neulich in Wien und in Warschau — haben sich Zionisten mit einem zionistischen Programm an den Gemeindewahlen beteiligt. Natürlich ist dadurch „der Friede gestört worden". Indessen ist darauf hinzuweisen, dass schliesslich auch sonst Meinungsverschiedenheit unter den Mitgliedern einer grossen Gemeinde herrscht — und meiner Meinung nach auch herrschen soll. In Berlin wurde nicht minder heftig um die Einrichtung eines sonntäglichen festlichen Gottesdienstes in den Synagogen gestritten, wobei die „Konservativen" die Oberhand gewannen. In Breslau haben letzthin wiederum die „Liberalen" einen Wahlsieg erfochten. Warum sollen in den Gemeinden alle Richtungen um die Behauptung ihrer Prinzipien kämpfen dürfen, nur nicht die Zionisten? Im übrigen mag bei dieser Gelegenheit gesagt werden, das es mit der Majorisierung einer Minderheit im allgemeinen ein arges Ding ist, was wir Juden, die wir doch im Ganzen nur eine Minderheit sind, recht gut wissen müssen. Es giebt Gemeinden, und sie gehören zu den bedeutenden, die etwa zweitausend wohlberechtigter Mitglieder zählen. Wenn da etwas einstimmig gutgeheissen wird, so ist dies unanfechtbar. Dieselben zweitausend Juden befinden sich aber in einer grossen Gemeinde einer andern zahlreicheren Partei gegenüber in der Minderheit, und nicht nur, dass sie in der Gemeindeverwaltung unvertreten bleiben, es wird ihnen sogar übel genommen, dass sie schon durch die Betonung ihrer Prinzipien „den Frieden stören". In Wien stimmten bei den Gemeindewahlen etwa 1400 Zionisten — warum sollen diese als „Friedensstörer" gelten, während die siegende Mehrheit als Friedenserhalter dastehen? Ich will damit keiner Partei das Wort reden; meine Meinung geht dahin, dass wir uns hüten sollen, dem Gegner ohne weiteres die Liebe zum Judentum abzusprechen und ihn als ein schädliches Element hinzustellen. Selbst im politischen Kampf ist solches hässlich — in unserer Mitte ist es geradezu unverzeihlich. Die jüdisch-nationale Bewegung ist oft als eine grosse Gefahr für das Judentum bezeichnet worden. Ich setze dabei die Ehrlichkeit der Ueberzeugung voraus, d. h. die Zionisten sollen nicht dadurch beim Volk verdächtigt werden, sondern die Gegner des Zionismus sind wirklich davon überzeugt, dass das Judentum dadurch gefährdet werde. Dem gegenüber ist aber die Frage berechtigt: Herrscht bei uns sonst Einstimmigkeit über Wesen und Lehrinhalt des Judentums? Von der einen Seite wird zum Frieden in diesen schweren Zeiten gemahnt; der „Orthodoxe" soll den „Liberalen" vortragen, was ich ebenfalls gut finde. Und nun muss doch gefragt werden, ob der religiös-freisinnige Zionist nicht dasselbe Recht auf Duldung hat? Der Zionist hat gegen den liberalen Juden immerhin das voraus, dass er als solcher mit den religiösen Fragen nichts zu thun hat. Wenigstens giebt er seinen Zionismus nicht als Religion aus; er beschäftigt sich nur mit der Verbesserung der materiellen und geistigen Lage der Judenheit. Wo liegt da die Gefahr für das Judentum? Ich will zugeben, dass zur Zeit eine mächtige Strömung unter einem Teil der Zionisten geht, auch auf die innere Befreiung hinzuarbeiten. Es handelt sich da nicht etwa um eine Reform des Judentums, sondern um ganz neue Ideen, die in es hineingetragen werden sollen. In diesen Kreisen wird dem Judentum eine grosse Gestaltungsfähigkeit zugeschrieben, die es auch im Laufe der Jahrtausende gezeigt hat. Man traut ihm noch so viel Jugendkraft zu, dass es eine neue, unserem modernen Bewusstsein und Empfinden entsprechende Form annehme; ja, auch der Inhalt könnte unbeschadet seines Fortbestandes erneuert werden. Nun gebe ich zu, dass konservativgesinnte Glaubensgenossen diese Ideen als destruktiv bezeichen müssen. Dies sollen sie auch, und diesen Ideen durchaus fernbleiben; aber die nationale Bewegung darf damit nicht in Verbindung gebracht werden. In London haben sich reiche und gebildete Juden, die ersten Persönlichkeiten der Gemeinde und durchaus Gegner der zionistischen Bewegung, zusammengethan und eine neue religiöse Vereinigung ins Leben gerufen, die etwa mit den freireligiösen Gemeinden in Deutschland die grösste Aehnlichkeit hat. Ich gestehe, dass ich diese Bewegung eher als destruktiv bezeichnen muss, denn jene von mir gekennzeichnete, weil sie ganz und gar negativ ist, während die „neuen Juden", wie ich die kleine Schar der Männer, die das Judentum fortbilden wollen, so nennen möchte, jedenfalls positive Arbeit wollen. Halten wir uns von jeder Einseitigkeit fern und erblicken in allen diesen Vorgängen das Leben. Die geschichtliche Vorsehung hat uns nicht in ihre Pläne eingeweiht, und wir können nicht wissen, was das alles werden will. Aber wir erschrecken nicht vor diesen Erscheinungen. Wenn Gutes entstehen soll, wird es trotz alledem entstehen. Wer das Judentum und die Judenheit liebt, der thue das, was er für erspriesslich hält, wozu ihn ein innerer Drang treibt. Aus all diesen

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