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Ost und West · 1903-01-01 · Heft 1 (Januar 1903) · p. Seite 39 - 40

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Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 1 (Januar 1903)
Article
Geistige Strömungen im Judentum
Date
1903-01-01
Page
Seite 39 - 40 (sequence 6)
Language
German
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39 Dr. S. Bernfeld: Geistige Strömungen im Judentum. 40 die ganze Versammlung unter ihren Willen beugen konnte. So konnten sich die Kräfte frei entfalten. Ausserdem ist es ja bekannt, dass ein grosser Teil der russischen Zionisten Kulturzionisten sind, d. h. solche, die vom politischen Programm nicht viel erwarten, wenigstens vorläufig nicht, dafür aber die ganze Arbeit nach innen verlegen wollen. Es sind da Zionisten, die eine Hebung der materiellen Lage als die erste Vorbedingung erklären, und sie weisen auf die Mittel hin, wie dies zu erreichen sei. Organisation der jüdischen Handwerker, die bekanntlich in Russland sehr zahlreich, aber im allgemeinen notleidend sind, Gründung von Gesellschaften, von Spar- und Konsumvereinen, von Unterstützungs- und Darlehenskassen; kurz, die Inangriffnahme aller Werke der Selbsthilfe, wie sie im westlichen Europa mit gutem Erfolg durchgeführt worden sind. Demgegenüber traten andere für die Hebung des geistigen Niveaus ein, für Schulen und Kindererziehung, für Verbesserung der Gesundheitspflege u. s. w. Auch die inneren Fragen fanden ihre Verfechter, und gerade diese haben den grössten Gegensatz unter den Delegierten hervorgerufen. Es ist dies die sogenannte Kulturfrage, die von einer kleinen, aber eifrig arbeitenden Gemeinde innerhalb des Zionismus zum Streitpunkt gemacht worden ist. Ich gestehe, dass mir diese Bewegung nur zum Teil verständlich ist, und ich muss der Vermutung Raum geben, dass sich ihre Führer — sie hat eigentlich nur Führer — kaum klar über ihre Ziele sind. Das Stichwort lautet: „Schaffung eines geistigen Mittelpunktes für jüdisches Kulturleben in Palästina." Natürlich wird darunter keine geistliche Zentralbehörde gemeint, sondern eben ein kultureller Mittelpunkt. Aber wie soll dieser „geschaffen" werden? Die geschichtliche Erfahrung lehrt, dass das Kulturleben sich dort einen Mittelpunkt schafft, wo er sich, durch verschiedene Ursachen bestimmt, konzentriert — künstlich kann man solche Konzentration nicht herbeiführen. Ausserdem ist natürlich das jetzige Palästina als Mittelpunkt des geistigen Lebens der Judenheit undenkbar. Bei aller Verehrung für die geschichtliche Stätte wird sich ein gebildeter Jude nur eine moderne Kultur denken, die aber in der asiatischen Umgebung unmöglich ist. Erst soll die Grundlage in Palästina dafür geschaffen werden, wobei garnicht gesagt wird, wie man sich das vorstellt. Auch ist das was in diesen Kreisen als „jüdische Kultur" gilt, überaus dunkel und widerspruchsvoll; und was da an Klarheit der Bestrbeungen mangelt, wird zum Teil durch einen gewissen Fanatismus, der doch hier am wenigsten passend erscheint, zu ersetzen gesucht. In Minsk hat der Hauptvertreter dieser Bewegung einen persönlichen Achtungserfolg erzielt, zu einem thatsächlichen Ergebnis konnte es nicht führen' Neben dieser Bestrebung trat im russischen Zionismus eine demokratisch - radikale und eine, orthodoxe — ich möchte beinahe sagen, eine orthodox-radikale — Parteirichtung auf. Schon in Basel, auf dem letzten Kongress, wurde die demokratische Fraktion ins Leben gerufen, ohne festes Programm, eigentlich nur infolge persönlicher Reibungen mit dem Präsidium des Kongresses. Unterdessen organisierte sich die Opposition zu einer Partei mit klaren Forderungen, und bei näherer Betrachtung mussten sich viele sagen, dass man wohl manches ganz gut billigen könnte. Dass die demokratische Partei nicht viel von den diplomatischen Erfolgen des Zionismus hält und nicht alle Hoffnungen auf einem freundlichen Empfang im Hildiz-Kiosk setzen will, werden alle wohl verstehen, die mit den Verhältnissen in Stambul vertraut sind. Die Opposition verlangt innere Thätigkeit, Kulturarbeit, wie ja auch aus diesen Kreisen die Anregung zur Gründung einer jüdischen Hochschule ausgegangen ist. Die demokratische Fraktion hat ihr Gegengewicht in der orthodoxen gefunden, die recht rührig arbeitet, was sie auch thun kann, da nichts leichter ist, als religiöse Regungen geschickt zu benutzen. Was lässt sich nicht alles mit der Religion oder mit dem, was man für Religion ausgiebt, machen! Man muss es aber als ein Zeichen der Selbstbeherrschung und der Selbstdisziplinierung bezeichnen, dass sich am Ende alle Parteirichtungen auf der Minsker Landeskonferenz ehrlich vertragen haben. Man sieht, welches Element der positven Arbeit im ehrlichen Zionismus liegt. — Ausser der Landeskonferenz in Minsk haben noch andere stattgefunden, aber keine hat die Bedeutung der Minsker erlangt. In Wien trat dann der. „kleine Kongress" zur Beratung zusammen. Wesentliches wurde da. nicht, geleistet, nur wurden über den Nationalfond, den der letzte Kongress ins Dasein gerufen und bereits grossen Anklang gefunden hat, Beschlüsse gefasst. Ich beabsichtige nicht, für den Zionismus Propaganda zu machen, wie ich persönlich wohl Zionist, aber ohne jede Verbindung mit der obere Leitung oder mit einer der verschiedenen Parteien innerhalb des Zionismus bin. Aber ich denke, dass alle denkfähigen und denkwilligen Glaubens¬ und Stammesgenossen die Pflicht haben, sich nicht ganz ablehnend gegen eine Bewegung zu halten, die so schöpferisch gewesen ist. Es ist eine Thatsache, die von niemandem in Abrede gestellt werden kann, dass der Zionismus selbst da, wo die Judenheit früher von sich kein Lebenszeichen gegeben hatte, (Italien, Bulgarien, Serbien und die europäische Türkei), belebend gewirkt hat. Ein warmes Gefühl der Zusammengehörigkeit des jüdischen Stammes geht aus dieser Bewegung hervor. Das soll man nicht geringschätzen in einer Zeit der inneren Zersplitterung und der äusseren Anfeindung. Beim Abschluss meiner Rückschau werds ich daran schmerzlich erinnert, wie wenig man sonst vom jüdischen Leben zu berichten hätte. Es sei denn, dass man auf die politische Seite der Judenfrage kämet, d. ti. dort, wo die Judenheit passiv ist — sie wird angegriffen und beschützt, das eine ist beinahe so schlimm, jedenfalls recht beschämend, wie das andere.

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