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Ost und West · 1903-01-01 · Heft 1 (Januar 1903) · p. Seite 27 - 28

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 1 (Januar 1903)
Article
Der Zaddik vom Dorfe
Date
1903-01-01
Page
Seite 27 - 28 (sequence 3)
Language
German
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27 Schalom Asch: Der Zaddik vom Dorfe. 28 gelben Stulpstiefeln und roten Fräcken (so wie er sie bei den Dorfherren gesehen hat, die zu seinem Gutsherrn zu Besuch gekommen waren), und sie werden ihn fortjagen. Aber bald überlegt er sich: Wozu wandern? Ist doch Gott auf dem freien Feld, und die Schweizer behüten einen leeren Palast, in dem Gott nicht ist . . . * *■ * „El melech neemon", drillt der Rebbe in ihn hinein, und Jaschek denkt bei sich: El melech neemon ist so ein Spruch, den man hersagen muss, um von den Schweizern in Gottes Palast eingelassen zu werden .... Indessen er hat ein Gebet andrer Art für Gott. Ein Gebet ohne Worte. Ein Gebet, das in seinem Herzen wächst, seine Seele ausfüllt und schwellt und das aus ihm herausströmt im . . . Pfeifen. Will er beten, dann legt er zwei Finger in seinen A4und, spitzt die Lippen und bläst tüchtig zu; und sein Gebet schallt durch den Wald. Und Gott versteht ihn wohl. Ihn und sein Gebet. Aber Jaschek pfeift nur dann, wenn er fühlt, dass er pfeifen muss. . . . Und Gott — sinnt er — liegt irgendwo auf freiem, duftendem Felde und lauscht seinem Pfeifen mit Behagen und hat seine Freude an dem Pfeifen. Und nicht er allein pfeift. Alle — das weiss er — pfeifen. Wenn Nassik, der Dorfhund, plötzlich zu knurren anfängt, mit seinem Schwanz wedelt, zum Himmel aufsieht und bellt, sagt Jaschek: Nassik dawnet. Wenn die weisse Kuh vom Felde Abends heimkommt mit langgezogenem, traurigem Muh, denkt er, sie dawnet. Der „Bolan" dawnet auf andere Weise; er tollt umher, stellt sich auf die Hinterfüsse, richtet den Kopf hoch und macht Brr. . . Brr. — Alle dawnen, sogar die Frösche im Wasser: Quak, quak! Einer nachdem anderen. .... * * * Jaschek ist dreizehn Jahre alt geworden. Es ist vor dem Neujahrsfest; und er kann immer noch nicht das Sch'ma sagen, obwohl der Rebbe nichts weiter in ihn hineinzutrichtern sucht: nur das Sch'ma, damit man ihn in die Stadt mitnehmen könne. Denn einen neuen Zwillich-Anzug hatte Jaschek schon bekommen, ein Paar Stiefel und eine neue Mütze. Alles zu den Feiertagen. Nun soll er aber auch das Sch'ma beten können. .... Die Synagoge ist voll Andächtiger. Klein und Gross, alle weiss gekleidet, mit dem langen Gebetmantel. Alle stehen und schütteln sich und schreien und rufen lauter und lauter. Um den Omed, auf dem die sieben Wachslichter brennen, steht der Vorbeter mit den Sängern. Langgezogene, thränenerfüllte Töne, von abgerissenen, halben, leiderstickten Klagen durchsickert, hört man: das schwere Gebet des Rabbi Amnon „Un'ssane taukef". Und wie unterdrücktes Weinen dringt es plötzlich heraus aus der Frauenschul; und Jaschek mit seinem neuen Zwillichanzug, die blonden Haare hervorlugend unter der zurückgeschobenen Mütze, horcht auf und läuft dann von seinem Platze nach vorn und stellt sich seitwärts gegenüber dem Vorbeter hin. Aber der Siddur, den ihm sein Vater gekauft hat, damit es so aussehe, als ob er bete, gleitet ihm aus den Händen: Jaschek steht mit weit aufgerissenen Augen und guckt. Er hört nichts und fühlt nichts. Er steht und blickt nur mit starren Augen auf den Vorbeter und auf die weinenden Juden. Da sieht er den weissen Vorhang vor der heiligen Lade mit den goldenen Buchstaben: Heilig dem Ewigen, und er denkt bei sich: Dort muss Gott sein, dort . . dort hinter dem Vorhang! Von der Gallerie blickt seine Mutter herab. Sie sieht ihren Sprössling, wie er dasteht und starrt, wie der Siddur seinen Händen entfallen ist, und sie seufzt: Ein Bauer ist er, ein geborener Goi. Und der Vater blickt ihn scheu unter seinem Talles hervor an und fleht: Allmächtiger, denk auch an ihn! Aber Jaschek regt sich nicht und starrt nur vor sich hin. . . Alle weinen, alle beten; alle schreien zu Gott. Wie gern thäte er's auch! Er will auch zu Gott beten; er will auch, — nicht weinen, nicht schreien — nur danken, und Gott loben will er, für alles, alles danken. . . Er bückt sich nieder, hebt seinen Siddur wieder auf schlägt das Sch'ma auf und beginnt: El . . me . . lech . . ne . . mon. Aber dieses Gebet ist nichts für ihn. Er versteht es nicht. Das ist nur ein Spruch. Er will danken und loben, ehrlich und treuen Herzens. Aber er hat Angst vor der grossen Menge. Vor der grossen Menge, die so ganz anders betet. Doch der Drang zum Beten besiegt seine Angst, und Gott ist stärker als alle. Er muss. . . Und er legt die Finger an den Mund; und ein lauter Pfiff schneidet durch die weinende Gemeinde.....

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