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Ost und West · 1903-01-01 · Heft 1 (Januar 1903) · p. Seite 25 - 26

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 1 (Januar 1903)
Article
Der Zaddik vom Dorfe
Date
1903-01-01
Page
Seite 25 - 26 (sequence 2)
Language
German
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25 Schalom Asch: Der Zaddik vom Dorfe. 26 ABRAHAM NEUMANN. und es donnert und blitzt, wenn der Regen niederströmt und ein schwerer Nebel das Dorf umhüllt, fühlt er Gottes Nähe, oder als sie ein ander Mal unter der Schneidemaschine den alten Matschke hervorholten, von dessen zerhackten Füssen das Blut herabrann, da, auch da empfand er Gott. Manchmal denkt er: nicht im Himmel wohnt Gott. Nicht zum Himmel muss man den Kopf emporheben, will man Gott sehen. Nein, Gott wohnt irgendwo weit, weit in einer grossen Stadt. Vielleicht gar dort, wo der Gutsherr wohnt und wo die grossen und feinen Herren wohnen. Aber all die feinen Gutsherren und die grossen Leute sind nichts weiter als Gottes Knechte, ebenso wie Stach und Woitek bei seinem Dorfherrn nur Knechte sind. Aber was hat er, Jaschek, mit Gott zu schaffen? Er könnte doch nicht einmal ein Hirte bei Gott sein. Denn ein Hirt bei Gott, denkt er, müsste auch schon ein grosser Herr, ein Magnate sein. Vielleicht ist sogar sein Gutsherr nicht einmal Kutscher bei Gottes Pferd. Darf sich da Jaschek hervorwagen? Nur zuweilen, wenn der Himmel rein ist und klar und verträumt daliegt in einem blauen, wallenden und fliessenden Schleier, wenn die Gräser unten SCHWÜLER SOMMER. friedlich wachsen und wurzeln und still zum Himmel emporschauen, und wenn dort geradeüber der alte Wald träumend dasteht, der grüne Ahne des Dorfes, und dort weiter sich der Weg zwischen den Wiesen schlängelt — ein Bauer fährt und ein Jude geht irgendwohin .. weit, weit — und hoch oben sich der Himmel in weiter Ferne dehnt und dann niedriger und niedriger fällt, bis er sich ganz auf die Erde herabsenkt, und er, Jaschek, auf der Schwelle des Speichers sitzt und guckt und starrt: dann denkt er bei sich: Gott hat sich einmal frei gemacht von den grossen und stolzen und feinen Herren und ist allein einhergekommen übers Feld, hat sich's bequem gemacht und liegt nun da und wartet . . . Und Jaschek drängt es, Gott zu loben und zu danken für all die Schönheit rings-.. ringsumher. Und manchmal möchte er wandern und wandern so weit bis zu der grossen Stadt, wo Gott wohnt und wro sein Palast steht. Will dann zu ihm gehen und seine liebe, liebe Hand küssen. . . Aber ihn quält ein Gedanke. Wird man mich denn vorlassen? Man wird mich zu Gottes Palast nicht zulassen, sinnt er. Denn dort stehen die Schweizer, hohe Gestalten mit blauen Bändern,

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