Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1903)
- Article
- Der Zaddik vom Dorfe
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 29 - 30 (sequence 4)
- Language
- German
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29 Schalom Asch: Der Zaddik vom Dorfe. 30 Alles ist wie vom Donner gerührt. Wer pfeift da am heiligsten Ort? . . Der Vater will ihn am Arme packen und hinausbringen. Die Leute wollen ihn schlagen. Da dreht sich plötzlich der heilige Rabbi von seinem Stand an der Misrach-Wand um und fragt: Wo ist der Heilige, der Zaddik, der das böse Verhängnis zerrissen, der den Himmel durchbohrt hat, damit unsere Gebete durch die bleiernen Wolken hineindringen können zu Gottes Thron? .... Von dem „Heiligen" war nichts mehr zu sehen. Er hatte den Tempel verlassen und war, die Stiefel auf der Achsel, übers Feld schon ins Dorf heimgelaufen. — Dem Jüdischen nachgebildet von Theodor Zlocisti. GEISTIGE STROMUr Von Dr. S Bei der Beurteilung der Zeitereignisse, die mitunter unerfreulich sind, oder vielleicht uns nur so vorkommen, ist es gut, sich auf den historischen Standpunkt zu stellen. Ich meine damit, man muss sich eine objektive, rein geschichtliche Betrachtung der Dinge angewöhnen; der Publizist soll zum rückschauenden Propheten werden. Dann, glaube ich, werden wir vieles, dem wir uns sonst nicht ganz anzubequemen vermögen, als die Folgeerscheinungen des Wachstums, der natürlichen Entwicklung, des geschichtlichen Werdeganges, kurz, des Lebens verstehen. Gelingt uns eine solche Art der Betrachtung, die freilich ein weitgehendes Gerechtigkeitsgefühl erheischt, so werden die Ereignisse auf uns ganz anders wirken. In der Judenheit hat bis vor einiger Zeit grosse Stille geherrscht. Man hat geglaubt, die Geschichte der Juden könne bereits als abgeschlossen gelten. So weit das Judentum als noch vorhanden galt, spielte es sich innerhalb eines sehr engen und kleinen Kreises ab: in der Synagogen-Gemeinde. Von einem eigentlichen jüdischen Leben konnte nicht mehr gut die Rede sein. Das behagte vielleicht vielen, weil, wo das Leben zu pulsieren aufgehört hat, eitel Ruhe und Friede herrscht. Da giebt es keine Gegensätze und keine Kämpfe mehr. Jetzt steht es anders in der Judenheit. Seit einigen Jahren herrscht bei uns eine geistige Regsamkeit, ein lebhaftes Treiben, ein Lebensdrang. Noch wissen wir nicht, wohin diese Bewegung führen wird; aber wir empfinden es, dass wir die Geburt einer neuen geschichtlichen Epoche miterleben. Eine Epoche hatte sie erschöpft und ausgelebt — da wurde es still und ruhig um uns, und nun beginnt eine neue Zeit, mit neuen Ideen und mit neuem Wollen. Solche Zeit ist stets voller Widersprüche und Kämpfe, voller Gegensätze und Zweifel. Dies mag vielen nicht behagen, die Ruhe und kontemplatives Sinnen lieben. Indessen wird man doch zugeben müssen, dass der Jahrmarkt des Lebens mit all seiner Hastigkeit und mit seinem mitunter tollen Treiben doch mehr bringt als Katakomben mit tausendjährigen Gräbern. Wir Juden haben uns vor einer grossen Gefahr in acht zu nehmen; ich meine vor der übertriebenen Wertschätzung des Altertums. Kein 4GEN IM JUDENTUM. I. Bernfeld. Mensch wird mich in der Verehrung unserer ruhmreichen Vergangenheit übertreffen; sie zu erforschen, halte ich für eine hehre Aufgabe, der sich die begabtesten Männer unseres Stammes widmen dürfen. Aber wir müssen uns mit aller Kraft dagegen sträuben, dass die Judenheit, das lebendige und lebensfähige Volk, zu einer Art archäologischer Trümmer gemacht werde, die man in einem Museum sorgfältig katalogisieren und aufbewahren müsste. Das Judentum ist eine Wissenschaft, die Judenheit aber ist ein lebender Organismus, der sich fort und fort entwickelt. Es hat eine Zeit gegeben, wo ein scheinbarer Stillstand im Wachstum dieses Stammes eintrat; aber in Wahrheit hat das Leben nie aufgehört. Die Keime haben sich allmählich entwickelt, und jetzt sprosst und blüht es verschiedenartig. Wir geben zu, dass unter der Brotfrucht sich auch Unkraut zeigt; aber wir vermögen jetzt nicht die richtige Unterscheidung zu treffen. Man kann nicht gleichzeitig Geschichte machen und Geschichte schreiben. Letzteres überlassen wir der Zukunft. Man spricht in gewissen Kreisen so oft von der nationalen Wiedergeburt der Judenheit. Ich halte diese Bezeichnung nicht für richtig, weil ich überhaupt an keine Wiedergeburt eines Volkes glaube. Ein Volk, das gestorben ist, lebt nicht mehr auf; und wenn es scheinbar aufersteht, so ist es gewiss nicht das alte, klassische Volk, dessen Namen es trägt. Wird uns jemand einreden wollen, dass die moderne griechische Nation das „wiedergeborene" Volk des klassischen Hellenismus sei? Der jüdische Volksstamm ist unverwüstlich und unsterblich; im Laufe der vielen Jahrtausende hat er verschiedene Lebensformen angenommen. Wir können davon sprechen, dass die Judenheit, indem sie sich mit neuen Ideen und mit neuen Bestrebungen befasst, ihre Kräfte wunderbar verjüngt und eine neue Lebensform annimmt. Es ist meine feste Ueberzeugung, dass das Neue nur auf der Grundlage des Alten gebaut werden kann; ein Volk kann nicht seine Kindheit aufs neue beginnen. Keine Wiedergeburt also — sondern ein Fortleben. Es wäre verhängnisvoll, sollten wir unsere Geschichte verleugnen. Ebenso müssen wir uns davor hüten, die Bewegung einseitig nach einer Richtung hin zu lenken.