Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1903)
- Article
- Abraham Neumann
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 21 - 22 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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21 Adolf Grabowsky: Abraham Neumann. 22 der Erscheinungen sind ihm dabei mehr ein notwendiges Uebel. Solche fast allein auf die Farbe gestellten Bilder wirken natürlich in der Reproduktion gerade mit ihren Eigentümlichkeiten nicht. Es sind deshalb Bilder, in denen die Zeichnung stärker hervortritt, zur Wiedergabe gewählt worden: manches besonders Charakteristische musste so notgedrungen fehlen. Allerdings derart ausschliesslich wie etwa bei Lesser Ury herrscht nicht bei Neumann die Farbe. Das zeigen, weniger seine vielen Wolkenstudien — da diese nicht so aus Freude an der Form überhaupt als aus Freude an eben solchen schwimmenden, die Phantasie beschäftigenden Formen gemalt sind — das zeigt vielmehr ein merkwürdiges Bild, das schon durch seine Grösse aus den übrigen meist in sehr bescheidenen Formaten gehaltenen Schöpfungen des Künstlers herausfällt. Es ist eine Winterlandschaft: vorn rechts und links ein paar Bäume, die ihre dürren Zweige gegen einander neigen, auf dem dicken Schnee in der Mitte stehen Sonnenflecken, im Hintergrund dehnt sich eine weite Ebene bis hin zu den fernen verschneiten Bergen. Auf dem ersten Blick hat das Bild etwas Japanisches. Das Ueberwiegen der Zeichnung, die schlichten weissen, gelben und schwarzen Töne, der starke dekorative Zug verhelfen zu dem Eindruck. Nur allmählich erkennt man an den liebevoll beobachteten tausend verschiedenen Färbungen des Schnees den Schöp- ABRAHAM NEUMANN. fer der übrigen Bilder. Man kann diese Landschaft nicht gut als gelungen bezeichnen. Sie hat etwas objektives, Nüchternes, Klares, wo auf den anderen Bildern die Seele der -Landschaft lebendig ist. Aber sie zeigt wiederum einen ungeheuren Fortschritt des Künstlers: Neumann versucht hier zum ersten Male, ein wirkliches „Bild" zu schaffen. Alles übrige sind nur Studien, gewiss vollendet manchmal, aber schliesslich nur vorbereitende Arbeiten, bei denen die Natur den Maler überwältigt hat, während es doch umgekehrt für ihn gilt, die Natur zu überwältigen. Dazu hat nun den Künstler sein Instinkt hier zum erstem Male getrieben. Es ist kein Wunder, dass Neumann nach den früheren blossen Rezipierender Natur beim ungewohnten bildnerischen Gestalten gegen seine eigene Anlage die Zeichnung übertrieb; es ist kein Wunder, dass er im Eifer des Formens den benötigten Raum überschätzte und es ist erst recht nicht verwunderlich, dass er, wo es sich nun nicht darum handelte, eine „Stimmung" aus einer Landschaft herauszufühlen, sondern darum, ein Bild mit einem Gefühlsinhalt zu erfüllen, zunächst versagte oder — um gerechter zu sprechen — eines über das andere vergass. Zweifellos aber ist Neumann mit diesem Bild auf „seinen" Weg gekommen. Nachdem er bis jetzt in unzähligen Augenblicken die Natur belauscht hat, wird er hinfort die Augenblicke zu lange hallenden Stun- NACHT. den vereinen. Nicht