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Ost und West · 1903-01-01 · Heft 1 (Januar 1903) · p. Seite 19 - 20

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 1 (Januar 1903)
Article
Abraham Neumann
Date
1903-01-01
Page
Seite 19 - 20 (sequence 2)
Language
German
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19 Adolf Grabowsky: Abraham Neumann. 20 dass die bildnerischen Künste den Juden nicht fehlen, so wenig wie die künstlerischen Kräfte im Allgemeinen. Das jüdische Gemüt, das der Welt so lange verborgen war, wird sichtbar wie ein leuchtender Edelstein unter wüstem Schutt. Wieder ist so ein Maler aus dem Osten gekommen, ein scheuer junger Mensch, der unerhörte Schönheiten seines armen Landes entschleiert hat. Eine Unmenge von Studien aus Polen und Galizien bringt er mit. Nur Landschafter ist Abraham Neu mann, nichts als Landschafter, keine Ideen malt er und keine Porträts, nur immer die Farben und Formen dieser Erde. In Sierpc, einer kleinen Stadt Polens im Plotzker Gouvernement, ist er geboren. Er erzählt, wie er bis zu seinem neunzehnten Jahre den Talmud studiert hat und garnichts wusste vom Malen undZeichnen. Dann sei aber eine unerklärliche Begierde über ihngekommen, das, was er um sich sah und was er so grenzenlos liebte, zu gestalten. Er riss sich vom Hause los und ging nach W arschau. Durch Vergrösserungen von Photographien und ähnliche Arbeiten erwarb er sich während zweier Jahre die Mittel zum leben. Ein winziges, zusammengespartes Kapital gestattete ihm dann, die Akademie in Krakau zu besuchen. „Aber wenn der Frühling kam, hielt es mich nicht mehr in der Stadt, im geschlossenen Räume. Jede Nacht erzählte ein wacher Traum mir von den Wundern der Natur." Häufiger und häufiger blieb er aus der Akademie fort, endlich flüchtete er ganz aus der Stadt. Seitdem hat er, von einer kurzen Reise nach Paris und London abgesehen, nur auf galizischen Dörfern gelebt. Ein Träumer ist Neumann gleich dem Knaben in der erwähnten Geschichte. Und wie diesem ist ihm nur wohl, „wenn er draussen ist". Wenn die roten und weissen Obstbäume im Frühling ABRAHAM NEUMANN. gegen einen lichten blauen Himmel und gegen ein wunderfeines Grün stehen und die Sonne zwischen all cfen hellen Farben fröhlich herumhüpft, wenn ein schwüler Sommerdunst sich über einen russblauen Himmel itnd eine graugrüne Erde in trächtiger Schwere breitet, wenn entblätterte Bäume an einem müden Flusse dem toten Himmel ihre Seufzer senden, wenn der Winter mit kalten Händen um den schnellen Waldbach einen harten weissen Panzer legt und unter seinen Schneewürfen schwache Häuserchen hilflos hinein in die Erde sinken und wenn dann wieder ein weicher Wind den Schnee schmelzen macht und aus dem kahlen, braunen Boden ein neues Leben dampft. Den Vorfrühling, glaub' ich, hat er am liebsten. Da ist noch alles so öde und leer und dennoch spürt man schon halb im Traum, halb im Wachen den künftigen unermesslichen Segen. Ein Träumer ist Neumann und, weil er ein Jude ist, ein melancholischer Träumer mit einer tiefen Hoffnungsscligkeit. Oft malt er den auf den Bäumen lastenden Winterschnee und oft den Blütenschnee im Frühling. Das ist ihm zunächst eins. Hier wie dort spürt er erst das Bedrückende: dort das einer gewaltigen Wucht, die von aussen kommt, hier das einer stets aus dem Innersten quellenden Kraft, die sich noch selbst im Wege ist, die noch als Last empfunden wird, weil sie nicht frei sich entfalten konnte bislang. — Dann aber das Trennende: dort wird der Schnee fallen dichter und dichter, unaufhaltsam, unerschöpflich — hier wird die Sonne kommen, die alles reifen macht, hier wird die Blüte zur Frucht werden. Die diesem Aufsatze beigegebenen Abbildungen wecken nur eine unwillkommene Vorstellung von dem Wesen des Künstlers. Neumann ist im wahren Sinne Maler; die Farben der Natur will er schildern, die Formen MÄRZSONNENSCHEIN.

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