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Ost und West · 1903-01-01 · Heft 1 (Januar 1903) · p. Seite 23 - 24

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Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 1 (Januar 1903)
Article
Abraham Neumann
Date
1903-01-01
Page
Seite 23 - 24 (sequence 4)
Language
German
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23 Adolf Grabowsky: Abraham Neumann. 24 ~m <i*m' ABRAHAM NEUMANN. HERBSTLANDSCHAFT. ohne Kampf wird das abgehen. Denn alle grosse Kunst ist ein Kampf. Um die Form hinter den Farben wird er zu kämpfen haben. Und um den Zusammenklang der Formen. Nicht um die Farben, nicht um den Zusammenklang . der Farben. Darin ist er schon heute fast ein Meister zu nennen. Ob ihm die Luft noch Schwierigkeiten bereite, hängt ab von den Gegenden, die er malen wird. Wenn auch oft genug allzu trocken, ist doch in der Mehrzahl der Bilder des Künstlers die Luft gut behandelt. Ein Impressionist ist Neumann ja nicht: Die Farbe als solche interessiert ihn zu sehr, als dass er es über sich gewinnen könnte, sie der Luft zuliebe aufzulösen. So darf man flimmernde, zitternde Atmosphäre auf seinen Studien nicht erwarten. Ein anderes ist es, ob er jemals dazu kommen wird, die starke Sonnenhelligkeit Italiens zu malen. Ich glaube, sein Wesen wurzelt zu tief in den weiten Ebenen des Ostens, wo die Farben still sind und die Luft gedämpft ist, auch an den lichtesten Tagen. Ob er das nordische Meer malen wird? Auch das glaube ich nicht. Nicht aufgewühlt will er sein, er muss etwas haben, das ihn leise sinnen macht. Und so wären wir denn zu unserem Ausgangspunkt zurückgelangt: zu der Seele des Künstlers. Und wir grüssen den Träumer. DER ZADDIK VOM DORFE. Eine Volkslegende von Schalom Asch. (Seinem Freunde Abraham Neu mann gewidmet.) In tauglitzerndem Grase liegt er versteckt und hütet die Schäfchen, die ihm sein Vater anvertraut. Man nennt ihn Jaschek. Wie er mit seinem jüdischen Namen heisst, weiss er allein nicht 'mal, denn er ist noch niemals zurThora aufgerufen worden. Alle aber wissen es, dass er ein Bauer, ein „grober", ungeschlachter Mensch ist. Sein Vater Jizchok Milchiker hat ihn überhaupt schon aufgegeben. Er hat nicht einmal mehr die Hoffnung, dass der Junge nach ihm Kaddisch sagen werde. Dennoch lässt er, um seine Pflicht zu thun, einen Melammed aus der Stadt kommen. Der Lehrer arbeitet mit dem Jungen mit aller Kraft. Hundert Mal und tausend Mal muss er jedes Wort wiederholen. Aber Jaschek hört sich das alles vergnügt und mit grösster Gemütsruhe an, als ob es ihn überhaupt nicht anginge. „WercT mal einer fertig mit so einem harten Schädel!" wettert der Melammed und schüttelt seinen Kopf. Und die Mutter sieht auf ihr Söhnchen und stöhnt. Einem Siddur wagt man ihm schon garnicht in die Hand zu geben. Und dawnen (beten)!..'.* Er — Jaschek! — soll dawnen? Was hat er mit Gott zu thun? Das wäre ja geradezu eine Gotteslästerung, wenn er das Sch'ma sagte. Und doch erkennt Jaschek Gott auf seine Weise. Und sein Herz empfindet Gott. Ueberall und überall, wohin sein Auge blickt, dort sieht er Gott. Wo im Stillen das Bächlein rauscht und dem ruhigen, grünen Berge Geheimnisse zuflüstert, da sieht er Gott. Und wenn er in weiter Ferne die dunklen, traurigen Wolken am Himmel vorüberwallen sieht, fühlt er ein geheimnisvolles Regen in seinem Herzen, ein geheimnisvolles Wünschen, ein seltsames Bangen. Wonach? ... Wenn am Himmel ein Gewitter heraufzieht ■ * r - ABRAHAM NEUMANN. BLÜHENDE BÄUME.

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