Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1903)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 1902
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 15 - 16 (sequence 8)
- Language
- German
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15 Prof. M. Philippson: Rückblick auf das Jahr 1902. tragsmächte aufgefordert, die Vereinigten Staaten bei diesem Schritte zu unterstützen; und deren Diplomatie hat nicht verfehlt, bei jeder passenden Gelegenheit in demselben Sinne ihre Stimme zu erheben, wie noch neulich der ausgezeichnete Botschafter in Berlin, White. Wir erkennen freudig die Hochherzigkeit an, die die Union in diesem Falle erwiesen, sowie das grossartige und eindrucksvolle Beispiel, das sie gegeben. Es ist hier ein glänzender Präzedenzfall geschaffen, der hoffentlich für die Zukunft Nachahmung finden und damit seine Wirkung üben wird. Für den Augenblick jedoch ist solche, leider, gleich null. Kein einziger europäischer Staat ist dem Vorgehen Amerikas gefolgt. Dieses selber ist nicht gewillt und wohl auch nicht imstande, jene Mahnungen durch Thaten zu ergänzen und praktisch zu machen. So scheint die Aktion Hays für jetzt bedauerlicherweise einen Schlag ins Wasser zu bedeuten, wenn sie nicht der Abneigung der rumänischen Machthaber gegen die Juden neue Nahrung und einen Vorwand zu abermaliger Beeinträchtigung giebt. Die Eifersucht der europäischen Mächte auf die riesig sich entwickelnde Kraft und politische Begehrlichkeit der Union hat offenbar eine bedeutende Rolle bei diesem Misserfolge gespielt. Nur an einem Punkte hat sich in der Lage der europäischen Judenheit eine wesentliche Besserung gezeigt, und das ist in Frankreich. Die finstere Koalition von Klerikalen, Nationalisten und Feinden der Republik, die sich in diesem Lande der Herrschaft zu bemächtigen drohte, indem sie sich hierzu ebenso geschickt wie gewissenlos der Vorurteile des Pöbels bediente, ist endlich an dem Mittel, mit dem sie gefrevelt hatte, gescheitert. Eine Reihe edler und heldenmütiger Männer, an deren Spitze der geniale Emil Zola stand, unternahm es, sich der erregten Leidenschaft der Menge mit der Kraft und Hoheit der Wahrheit entgegenzuwerfen, und sie hat nach erbitterten und langwierigen Kämpfen den Sieg davongetragen. Es gelang ihr, zu beweisen, dass der Jude Dreyfus nicht der Verräter gewesen war, zu dem die schwarze Verschwörung ihn hatte stempeln wollen, sondern eben diejenigen Offiziere, deren sie sich bedient hatte, um ihn zu verderben und damit auch die Gleichberechtigung der nichtkatholischen Franzosen zu zerstören. Nach solchen Enthüllungen besann sich die Mehrheit des Volkes auf die Grundsätze der Freiheit und Gleichheit, die die Basis des ganzen Gebäudes des modernen Frankreich bilden. An der Spitze der Regierung wusste Waldeck-Rousseau mit einer bewundernswerten Mischung von Geschicklichkeit, Kraft und Mässigung die Schwankenden zu sich herüber zu ziehen und die erregten Leidenschaften zu beruhigen. Die Wahlen des Frühlings 1902 ergaben einen glänzenden Sieg der wahren Republikaner, der echten Söhne des hochherzigen und für alle Ideale begeisterten Frankreich. Hiermit glaubte Waldeck-Rousseau seine Aufgabe erfüllt zu haben und trat die Leitung der Geschäfte dem eifrigen Radikalen und Anti-Klerikalen Combes ab. Dieser und seine Minister-Kollegen haben sich nicht mit der Abwehr der Angriffe des Klerikalismus begnügt: sie sind vielmehr zur Offensive gegen diese Partei übergegangen, indem sie deren Hochburgen, die geistlichen Brüder- und Schwesternschaften, zerstörten. Es ist dabei zu erbitterten Kämpfen, zur Erregung des Fanatismus ganzer Provinzen gekommen. Die besonnenen Freunde des Fortschritts, auch die Führer des französischen Israel, sehen nicht ohne Besorgnis die extremen Massregeln der Regierung sich vollziehen, und fürchten, dass aus ihnen ein abermaliger Rückschlag, eine neue klerikale und antirepublikanische Reaktion in den Gesinnungen des Volkes hervorgehe. Ob diese dunkelen Vorhersagungen sich verwirklichen werden, steht dahin; erhoffen wir das Gegenteil, im Sinne der Israeliten Frankreichs. Eine Lehre wird mit grosser Deutlichkeit aus alledem, was hier über die Ereignisse des Jahres 1902 gesagt wurde, sich ergeben. Als die französischen Liberalen der zwanziger Jahre des verflossenen Säkulums sich zum Widerstande gegen den klerikal gefärbten Absolutismus des Bourbonenkönigs Karl X. aufrafften, gründeten sie einen Verein unter dem bezeichnenden Namen: „Hilf Dir selbst, und der Himmel wird Dir helfen" (Aidetoi, et le Ciel t'aidera). Wir können dasselbe mit einem Spruche unserer Pirke Aboth sagen: „Wenn ich nicht für mich bin, wer ist für mich?" Nächst dem Schutze der Vorsehung haben wir Juden nur auf unsere eigene Festigkeit, Treue, Thatkraft, Opferwilligkeit und Einsicht zu rechnen, nicht auf fremden Beistand. Die Anderen wollen oder können uns nicht helfen. Nur wenn wir selber uns als Streiter betrachten, die unermüdlich die Fahne Israels verteidigen und uns einmütig um diese zum gemeinsamen Kampfe schaaren, nur dann dürfen wir auf den endlichen Sieg, nur dann auch auf die Anerkennung und Achtung der Mächtigen dieser Erde hoffen.