Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1903)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 1902
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 13 - 14 (sequence 7)
- Language
- German
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Unglück und Schmach alle seine Unterdrücker überdauert und überwunden hat? Der politische Gegner Russlands auf der Balkanhalbinsel, Rumänien, eifert ihm doch in der Verfolgung seiner jüdischen Bewohnerschaft mit allen Kräften nach. O, diese Franzosen des Ostens, die mit allem Raffinement der Zivilisation prunkenden oberen Zehntausend Rumäniens hüten sich wohl, von konfessioneller Feindschaftund Unterdrückung zu sprechen. Sie erklären nur alle im Lande geborenen Israeliten für „Fremde" und verschliessen dann dem „Fremden" die Möglichkeit elementarster Bildung und sogar der Existenz — und der Streich ist gelungen. Politikern, die, vom Dorfschulzen bis zum Minister hinauf, unredlich und bestechlich sind, kann ein solches Taschenspieler-Kunststück ja keinerlei Bedenken und Schwierigkeit bereiten. Sie haben nunmehr ein Handwerkergesetz gegeben, das dazu bestimmt ist, den „Fremden", das heisst besonders den jüdischen Handwerkern, die tüchtiger und ungleich zahlreicher sind, als die christlich rumänischen, die Ausübung ihres Berufes und damit die redliche Erwerbung ihres Lebensunterhaltes bis zur Umöglichkeit zu erschweren. Selbst in dem leider an jede Unduldsamkeit und Brutalität gewohnten Europa der Gegenwart erhob sich ein Schrei der Entrüstung über diese gegen viele Tausende ehrenhafter und fleissiger Familien verhängte „trockene Guillotine". Die Finanzmächte, die bisher unentwegt den Rumänen ihre Anleihen besorgt hatten, rechneten aus, dass die Zerstörung so vieler nützlicher Existenzen den wirtschaftlichen Rückgang Rumäniens zur Folge haben müsste, und drohten, diesem die Taschen des europäischen Publikums zu verschliessen. Die umfassende Auswanderung rumänischer Juden begann von neuem, und zwar eine solche einigermassen besitzender Familien, deren Wegzug einen namhaften Verlust am Nationalvermögen bedeutete. Die Bukarester Regierung wurde doch bedenklich und hat in der Ausführung die schreiendsten Ungerechtigkeiten des ominösen Handwerkergesetzes einigermassen gemildert, auch zugesagt, mehreren Tausenden von Israeliten die Naturalisation erteilen zu lassen. Aber wer traut noch den Versprechungen dieser Leute? wer auch selbst ihren Thaten? Denn was sie heute im Drange der Umstände wirklich vollführen, werden sie nach der nächsten reichen Weizenernte, die ihren Finanzen aufhilft, wieder zurücknehmen. Allerdings hat der amerikanische Staatssekretär des Aeusseren, Hay, wiederholt bei der rumänischen Regierung, im Namen nicht allein der Vertragstreue, sondern auch der Humanität, gegen die der Berliner Uebereinkunft vom Jahre 1878 geradewegs zuwiderlaufende Misshandlung der Juden Verwahrung eingelegt. Er hat auch die Berliner Ver-