Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1903)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 1902
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 17 - 18 (sequence 9)
- Language
- German
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17 Adolf Grabowsky: Abraham Neumann. 18 ABRAHAM NEUMANN. Von Adolf Grabowsky. Ich habe da ein neues Buch, das mir sehr lieb ist. Sein Verfasser heisst Ephraim Frisch, sein Name „Das Verlöbnis, Geschichte eines Knaben". Die Vorgänge geschehen unter Juden in irgend einer weltentlegenen galizischen Landstadt. Ein kleiner jüdischer Knabe, ein schwermütiger Träumer, wird zu Tode gequält — durch die Verhältnisse, durch seine Umgebung, durch sich selbst. Das ist alles. Die Juden kommen nicht gut fort und nicht gerecht in dieser Geschichte: man merkt, der Dichter hat Aehnliches erlebt und ist noch nicht lange heraus aus den Schmerzen. Aber der Unterton des Ganzen ist doch der Weheschrei: Sie können ja nichts für ihre trübe Dumpfheit, ajle sind ja immer nur gequält worden. Sie haben ihren wundervollen Sabbath, aber wo ist das Fest? „Alle sind so müde und still." Wo ist das Fest „mit schallenden langen Trompeten?" Seltsam anziehend ist die Schilderung des Landes, das diese Menschen bewohnen. Eine tieftraurige Gegend voll unendlicher Reize. ABRAHAM NEUMANN. Riesige Ebenen wechseln mit sumpfigen Wäldern. Die Stille schlägt ihre mächtigen Flügel über das öde Land. Und zwischen aller Kümmernis und Bedrückung, zwischen den tausend Stimmen der Sehnsucht, die das Schweigen gebiert, wachsen die Schaaren der jüdischen Träumer auf, die mehr und mehr im Osten erstehen. Früher ist kaum einer unter ihnen gewesen, der vor der Welt den Namen Künstler trug, und man hatte sich deshalb gewöhnt, überhaupt das künstlerische Gestaltungsvermögen der Juden gering zu achten. Vor allem geschah dies in Rücksicht auf die bildende Kunst, da hier auch von den westlichen Juden verhältnismässig wenig geschaffen wurde. Schuld waren aber nicht die Menschen, sondern die Umstände: Bei der Gesamtheit der Juden der religiöse Kultus, der mit Bildwerken nichts zu thun haben wollte, bei den östlichen Juden insbesondere die furchtbare Knechtschaft. Heute nun, wo eine sieghafte Kulturwelle auch diese Ausgestossenen emporträgt, wird mit Erstaunen erkannt,