Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1903)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 1902
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 11 - 12 (sequence 6)
- Language
- German
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11 Prof. M. Philippson: Rückblick auf das Jahr 1902. 12 dann könnten sich ja die jüdischen Gymnasialabiturienten bei der Wahl ihres Brotstudiums danach richten. Oder giebt es bei den deutschen Regierungen, die bekanntlich „praktisches Christentum" treiben, für „Judenjünglinge" keinerlei Billigkeit? Nimmt man bei diesen keine Rücksicht auf die schweren Enttäuschungen, die bitteren Gefühle, den Kampf zwischen der Ehre und den Forderungen des Ehrgeizes und berechtigten Selbstbewusstseins — einen Kampf, der nur allzu häufig mit der Aufopferung der Ehre, mit dem Ueberlaufen zu einem der innersten Ueberzeugung zuwiderlaufenden Kirchentum endet? Noch schlimmer sieht es in Oesterreich-Ungarn aus. Optimistische Gemüter erblickten in Cisleithanien bereits einen Niedergang des Antisemitismus. Hoffnungsvolle Zeitungsverleger in Wien und deren litterarische Angestellte glaubten aus dem glänzenden Zustande ihres Geschäfts schon auf eine veränderte Gesinnung des p. t. Publikums schliessen zu dürfen. Leider stellte es sich heraus, dass der Wiener gern die pikanten und bisweilen geistreichen Artikel liberalen und besonders jüdischen Ursprungs liest, aber dafür die Liberalen und die Juden nur um so mehr fürchtet und beneidet. Der Ausfall der Landtagswahlen-in Deutsch-Oesterreich und zumal in Wien hat lediglich einen neuen Fortschritt „derer um Lueger", eine abermalige Befestigung ihrer Herrschaft, eine Verstärkung ihres Einflusses auf die massgebenden Kreise gebracht. Man pflegte zu den düsteren Zuständen Deutsch- Oesterreichs mit Genugthuung Ungarn mit seiner wahrhaft freisinnigen und vorurteilsfeindlichen Parlamentsmehrheit und Regierung in Gegensatz zu stellen. Aber damit ist es leider vorbei: Die klerikale, judenfeindliche Partei zieht ganz sichtbarlich auch in die leitenden Regionen des magyarischen Staatswesens ein. Und nun stelle man sich vor, dass nach des wohlwollenden und aufrichtig konstitutionellen Greises Franz Joseph Hinscheiden der durch und durch klerikale Nachfolger den Thron des Doppelreiches besteigt — wohin soll es dann mit den Juden Oesterreichs und Ungarns kommen? Die aber legen die Hände in den Schoss. Sie warten in Unthätigkeit und in dumpfem Fatalismus das drohende Unheil ab. Mehr als eine Million Menschen untewerfen sich in stummer Geistes¬ und Willensträgheit — oder entziehen sich allem Ungemach durch feiges und gewissenloses Renegatentum. Erst wenn man diese traurigen inneren Verhältnisse der österreichisch-ungarischen Judenheit bedenkt, ermisst man die ungeheure Bedeutung, die die innere Erstarkung des der Zahl noch viel schwächeren, aber weit thatkräftigeren und gedankenreicheren deutschen Judentums besitzt. Dieses ist das Rückgrat für alle Juden Europas. Denn auch in Polen und Russland sind die Millionen unserer Glaubensgenossen auf seine Unterstützung und geistige Förderung angewiesen. Diese Unglücklichen werden noch immer in die erdrückenden Schranken des Wohnungsrayons eingepfercht, mit Ausnahmegesetzen gepeinigt, in Unterwürfigkeit und Unwissenheit erhalten, dem materiellen Elende und der intellektuellen Umnachtung preisgegeben. Man verurteilt sie zum Hunger, man verschliesst ihnen jede liberale Laufbahn, man tritt ihr Ehrgefühl mit Füssen, man lehrt sie hohnlachend, dass sie sich nur durch Bestechung die Existenz ermöglichen: und dann klagt man sie physischen, sittlichen und geistigen Verfalls an! Welche unvergleichliche Barbarei, fünf bis sechs Millionen Menschen zum leiblichen, intellektuellen und moralischen Verhungern zu verurteilen; nur weil sie anderer Rasse und anderen Glaubens sind! Und wie spielt man mit den Opfern! Hier macht man ihnen ein Pförtchen auf, dort schliesst man es wieder. Hier gewährt man ihnen eine kleine Erleichterung, dort bedenkt man sie mit neuer Erschwerung. Alles ist Willkür, Rücksichtslosigkeit, Polizei-Allmacht. In früheren Zeiten haben Nationen und Gewaltherrscher eine missliebige Bevölkerung ausgerottet, Schädelberge aufgeschichtet — dann war alles mit einem Male vorüber. Jetzt quält man die Millionen mit ausgesuchter Grausamkeit und macht ihr Dasein lebensunwürdig, und zwar Jahrhunderte hindurch. Wo ist da die grössere Barbarei? Ja, schmäht nur auf die Unglücklichen, ihr Andersgläubigen oder ihr wohlhabenden Juden des Westens, denen jeder leibliche und geistige Genuss freisteht. Sagt nur, dass jene durch ihre Verkommenheit das Unheil, das sie betrifft, selber verschuldet hätten. Haben sie sich denn zu dem gemacht, was sie sind, oder hat ein nichtswürdiger, verbrecherischer Druck sie niedergebeugt, ihnen das Rückgrat gebrochen? Wollt ihr Wohlleber nicht eher den Idealismus und die zähe Kraft jener Millionen bewundern, die durch den kurzen Gang zum Taufbecken sich von allem Elende befreien könnten, und die allen Vorteilen des Abfalls bereits viele Jahrhunderte hindurch die Schmerzen und Leiden ihrer Glaubens- und Ueberzeugungstreue vorziehen? Sind sie nicht wenigstens darin die würdigen Angehörigen eines Stammes, der durch seine Ausdauer und Festigkeit im Ertragen von