Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 3 (1903)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1903)
- Article
- Rückblick auf das Jahr 1902
- Date
- 1903-01-01
- Page
- Seite 9 - 10 (sequence 5)
- Language
- German
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9 Prof. M. Philippson: Rückblick auf das Jahr 1902. 10 ABRAHAM NEUMANN. VERSCHNEITES DORF. Minderheit ansteht, grundsätzlich solcher Rechtsverweigerung zugestimmt, wie es im preussischen Abgeordnetenhause geschah; aber sie hat eine so matte Erklärung beschlossen, dass der Minister darin eine Blancovollmacht zu weiterem Vorgehen auf der längst eingeschlagenen Bahn zu erblicken vermag. Und die bayerische Abgeordnetenkammer hat sich, unter der Herrschaft der klerikalen Partei, noch mutiger und unternehmender gezeigt, als ihre preussische Schwesterversammlung: sie hat aus eigenem Antriebe die Regierung zur Einschränkung der Anstellung von Juden im Justizdienste aufgefordert. Der bayrische Justizminister hat dieser Resolution widersprochen. Aber wie lange noch? Ist es nicht wahrscheinlich, dass sein schon ernannter Nachfolger der immer gewaltiger andringenden ultramontanen Flut nachgeben wird? Es wäre wirklich zu wünschen, dass die deutschen Regierungen von Zeit zu Zeit ein Programm auf Jahre hinaus veröffentlichten, in welchen Beziehungen sie die verfassungsmässigen Rechte der Juden zu achten und in welchen sie solche zu unterdrücken gedächten. Vor zwei Dezennien beförderte man in Preussen die Juden in der Richterlautbahn und zu den Notariaten reichlich, stellte aber keine oder nur sehr wenige israelitische Gymnasial- und Realgymnasiallehrer an. Jetzt, bei der herrschenden Lehrernot, sehen wir die Juden in die Kollegien der höheren Schulen einziehen, dagegen wird ihnen der Justizdienst ganz oder doch zum überwiegenden Teile verschlossen. Nun denke man sich einen bedauernswerten Jüngling, der eifrig ein Schulfach studiert, weil er erfahren, dass die Laufbahn seinen Glaubensgenossen geöffnet ist; aber wenn er die Universität absolviert hat, besitzt die Regierung gerade genug Lehramtskandidaten und klappt vor dem Juden die Thüre zu. Ebenso ist es thatsächlich vor einiger Zeit den jungen jüdischen Juristen ergangen. Wenn man aber ein Programm herausgäbe, etwa des Inhaltes: von 1902 bis 1912 werden wir im Schuldienste den Gleichberechtigungsparagraphen der Verfassung befolgen, von da an nicht mehr; dagegen werden wir von 1913 bis 1923 jüdische Richter befördern — nun.