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Ost und West · 1903-01-01 · Heft 1 (Januar 1903) · p. Seite 7 - 8

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Journal
Ost und West
Volume
3 (1903)
Issue
Heft 1 (Januar 1903)
Article
Rückblick auf das Jahr 1902
Date
1903-01-01
Page
Seite 7 - 8 (sequence 4)
Language
German
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1 Prof. M. Philippson: Rückblick auf das Jahr 1902. 8 Volksklassen und Bekenntnissen; die Tagespresse verbreitet und preist ihre Aussprüche. So üben sie einen imposanten und bestimmenden Einfluss: ihre Trugbilder, mit allem Glanz der Gelehrsamkeit und allem Zauber der sprachlichen Form ausgestattet, überzeugen viele Tausende, nicht nur unter den christlichen, nein, auch unter den jüdischen Gebildeten. Was können wir dem seit einem halben Jahrhundert, seit dem Hinscheiden unserer grossen geistigen Vorkämpfer der ersten Hälfte des neunzehnten Säkulums, entgegen setzen? Eine dürftige Wissenschaft des Judentums, die — einzelne wenige rühmliche Ausnahmen abgerechnet — sich mit Entzifferung alter Leichensteine, mit Prüfung localer Urkunden, mit Erforschung längst verschollener Grammatiker und Dezisoren beschäftigt. Bibelerklärung und Bibelkritik wissenschaftlicher Art, Religionsphilosophie, Geschichtsschreibung in grossem Stile liegen bei uns in trauriger Vernachlässigung darnieder. Wir stehen arm und hilflos da bei Angriffen nicht nur von Geisteshelden, sondern auch von Schriftstellern zweiten und dritten Ranges. Die belebende und schöpferische Sonne wahrer Wissenschaft durchleuchtet und erwärmt nicht mehr unsere Gemeinschaft, die geistig zu vertrocknen droht. Es liegt das nicht an dem vorgeschützten Mangel intellektueller Kraft seitens der modernen Judenheit — denn wo wäre ein Feld der allgemeinen Wissenschaft, der Technik, der Litteratur und der Kunst, auf dem nicht Juden, trotz der schwer wiegenden Ungunst der äusseren Verhältnisse, sich rühmlichst bewährten? — sondern am Fehlen des Interesses für die Wissenschaft des Judentums und demgemäss am Ausbleiben der materiellen Mittel, die es dem Einzelnen gestatteten, diese Wissenschaft des Judentums zu kultivieren. Dem muss und soll abgeholfen werden. Im November des abgelaufenen Jahres fand sich eine beträchtliche Anzahl hervorragender jüdischer Theologen, Gelehrten, Schriftsteller und sonstiger leitender Persönlichkeiten aus dem Deutschen Reiche und den Nachbarländern in Berlin zusammen, um einen „Verein zur Förderung der Wissenschaft des Judentums" zu gründen. Wahrlich, wir haben schon allzu viele „Vereine" in unserer Mitte, aber dieser ist eine Notwendigkeit, um bestehende mangelhafte Institutionen zu vervollständigen und daneben wirklich Neues und Bedeutsames zu schaffen. Er will jüdischen Gelehrten die Pflege der reinen Wissenschaft des Judentums, ohne Rücksicht auf die immer umfassenderen Aufgaben des Religionsunterrichtes und der praktischen Seelsorge, durch ausgiebige pekuniäre Unterstützung ermöglichen. Er will Schriften herausgeben, die, auf streng wissenschaftlichem Boden erwachsen, nicht sowohl kleinliche Einzelforschungen, als vielmehr die grossen Züge in der Geschichte Israels, seine Wirksamkeit innerhalb der menschlichen Entwickelung und für diese, Religionsphilosophie und Religionslehre, Bibelexegese und hebräische Sprachwissenschaft behandeln. Er will die Zahl der Lehrstühle an den jüdischen Hochschulen vermehren und die vorhandenen ausgiebiger dotieren. Er will eine Zeitschrift veröffentlichen, die der Mittelpunkt der wissenschaftlichen Bestrebungen des Judentums werde. Aufgaben von höchster Bedeutung, aber auch von grosser Schwierigkeit, die nur durch regste Teilnahme aller unserer Glaubensgenossen gelöst werden können. Freilich, der Verein schmeichelt sich nicht mit der thörichten Hoffnung, als ein neuer Hephästos die Wissenschaft des Judentums mit einem Hammerschlage aus dem Haupte des Zeus an das Licht zu befördern. Allein er will der natürlichen Begabung unseres Stammes die Bahn ebnen, die sie auf das Ziel dieser Wissenschaft hinleite. Bisher haben unsere bemittelten Glaubensgenossen für Aufgaben der Mildthätigkeit stets offene Hand besessen; das „jüdische Herz" hat hier genug, an manchen Stellen fast zu viel gethan — aber nun handelt es sich darum, für die geistigen Interessen unserer Gemeinschaft, für unsere heiligsten Güter, für die innere Bedeutung und äussere Geltung des Judentums, wir möchten sagen jedes einzelnen seiner selbstbewussten Juden einige Opfer zu bringen. Ein dahin gehender Aufruf wird und kann in einer Zeit nicht wirkungslos bleiben, die die höchsten Aufgaben jeder Gemeinschaft ebenso klar erkennt, wie die Schärfe der Gegensätze, innerhalb derer und wider die wir uns behaupten müssen. Denn noch sehen wir, mit einer später noch zu erwähnenden Ausnahme, keine wesentliche Besserung in der Lage der jüdischen Gemeinschaft in Europa. Innerhalb Deutschlands hat nun auch das Grossherzogtum Hessen das traurige Beispiel nachgeahmt, das ihm die Königreiche Preussen und Sachsen gegeben hatten, im offenen Widerspruche zu der Landesverfassung und der Reichsgesetzgebung das Recht der Juden auf gleichmassige Anstellung im Justizdienste zu bestreiten. So der Justizminister Hessens. Die Abgeordnetenkammer dieses Landes hat allerdings nicht mit jener kühnen Gesetzes Verachtung, die einer ungeheueren Mehrheit so herrlich gegen eine wehrlose

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