Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1902)
- Article
- Rjabtschik
- Date
- 1902-12-01
- Page
- Seite 841 - 842 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2583875-2583890-2583903-2586436--02344-2586508- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
841 Sctolem Aleicliem: Rjabtschik. 842 als wenn er sagen wollte, der Knochen gehört mir und den fresse ich auf. Die anderen Hunde thaten so, als ob sie ihn nicht sähen, dachten sich aber dabei im Stillen: Du sollst nur daran erwürgen, ersticken, Du Fresser. Den ganzen Morgen frisst er, und wir sollen das alles still mit ansehen; die Maden sollen Dich verzehren! Vor dem Metzger, der sich mit seinen Kollegen zankte, stand ein Hund, und heuchlerisch sagte er zu seinen Stammesgenossen: Seht Ihr den Fleischer da? Nicht wahr, er scheint ein Bösewicht zu sein. Wollte uns nur Gott so ein gutes Jähr schenken, wie gut der Mensch ist. Er hat ein goldenes Herz. Ein Diamant! Er hat ja stets Mitleid mit den Hunden; er ist ein Hundefreund. Da werdet Ihr bald sehen, wie er mir einen Knochen mit einem Stück Fleisch zuwirft. — — Hap! — Einen Sprung in die Luft — und der Heuchler knackte hörbar mit den Zähnen, damit die anderen meinen sollen, er habe wirklich eine schöne Portion bekommen. — Er ist alles beide! bemerkte ein anderer Hund, augenscheinlich sein Feind. Er ist Heuchler und Lügner, aber kein einfacher . . . Uebrigens, hol' ihn der Henker! Ein dritter stand neben dem Hackklotz; und während sich der Schlächter für einen Augenblick umsah, sprang er auf den Klotz und leckte am Fleisch. Da aber bellten ein paar Hunde los, um ihren Kollegen vor dem Fleischer zu denunzieren! Der eine hätte die Unverschämtheit besessen, ein Stück Fleisch davonzutragen, welches ihnen doch so gut bekommen wäre. Und bellend schwuren sie, mit eigenen Augen die schändliche That des Genossen gesehen zu haben. Wenn nicht, dann soll sie der Schlag auf der Stelle treffen, dann sollen sie sich an dem ersten besten Knöchlein erwürgen, dann sollen sie noch nicht einmal die Hörner und Hufe der geschlachteten Schafe haben. — „Nein, das hat doch gar keinen Sinn — dachte Rjabtschik —, hier so unthätig dazustehen, wo alle Hunde so auf dem Posten sind. Aber es dauerte gar nicht lange, da wurde Rjabtschik von einigen Hunden am Hals gepackt und gebissen, gerade, wo es am meisten schmerzte. Scheu versteckte sich Rjabtschik in einem Winkel, spitzte die Schnauze und fing kläglich zu heulen an. — Warum weinst Du? — Iragte ihn Schuck, sich nach dem feinen Imbiss beleckend. — Wie soll ich nicht weinen? — antwortet Rjabtschik. — Ich bin doch der unglücklichste von allen Hunden der Welt. Ich dachte, es würde mir bei meinen Heimatsgenossen besser gehen; ich würde etwas bekommen, nun bin ich aber arg enttäuscht. Kannst mir glauben, ich würde mit Euch nicht angefangen haben, wenn nicht der Hunger. . . Ich bin ja todhungrig!,— — Ich glaube Dir gern, bemitleidete ihn Schuck seufzend, ich weiss wohl, wie der Hunger schmerzt. Ich versetze mich in Deine traurige Lage, kann Dir aber leider nicht helfen. Hier ist es nun einmal so eingerichtet, dass