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Ost und West · 1902-12-01 · Heft 12 (Dezember 1902) · p. Seite 839 - 840

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 12 (Dezember 1902)
Article
Rjabtschik
Date
1902-12-01
Page
Seite 839 - 840 (sequence 6)
Language
German
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839 Schclem. Aleichem: Rjabtschik. 840 und habe mit mir Mitleid, mit meinem armen, elfendigen Hundeleben. ■ Bei, diesen Worten warf sich Rjabtschik «auf den Bauch und krümmte und duckte sich und, machte so widerlich unterwürfige Grimassen, dass dem Wolf ganz übel davon wurde: Lass Deinen Schwanz nicht so-feige hängen! Mach, Du Schuft, dass Du davon kommst, Hol* Dich der Teufel, damit ich Deine treifene Schnauze nicht mehr sehe! Ei! hatte da Rjabtschik Reissaus genommen. Er lief japsend, dass er kaum die Erde unter sich fühlte. Er wagte es nicht, sich einmal umzudrehen. Als er aber nicht mehr weiter konnte, machte er Halt, um sich auszuruhen. Und wie er so säss, flog ihm eine neue Idee durch den Kopf: Es wäre doch gut, ein Wolf zu sein, dachte er. Aus jedem, dem man begegnet, kann man sich ein Mahl bereiten. Warum soll ich mich nicht als AAfolf ausgeben? Der Wolf, dem ich begegnete, hat ja wohl auch geglaubt, ich selbst sei ein Wolf. Kreuzhimmeldonnerwetter bin ich ein Esel! Warum habe ich ihm meine' Abstammung verraten?..... VIII. Also: von heute ab bin ich kein Hund mehr; ich bin ein Wolf wie alle anderen Wölfe auch. Er blies sich ordentlich auf, um einem Wolfe ähnlicher zu sehen; er übte sich darin, grosse Schritte zu machen und ein wölfisches Gesicht zu schneiden; und dann spähte er auf Raub aus. Vielleicht würde ihm der liebe Gott ein junges Schäflein zuschicken, ein Zicklein, ein Kalb, einen Ochsen oder ein Pferd oder wenn auch nur einen Hund. Wie er so sann, begegnete er einem Greise, mit einem Sacke auf dem Rücken und mit einem Stock in der Hand. Dem leeren Magen thut auch Menschenfleisch gut, dachte er und näherte sich dreist dem Unbekannten. He! Gevatter! Wisst Ihr denn wer ich bin? — Na wer denn? —- Ich bin ein Wolf, rief Rjabtschik und fletschte mit den Zäunen, wie er es eben beim Wolf gesehen. Und was willst denn Du, Wolf? fragte ihn gar nicht ängstlich und lächelnd -der Alte. — Was ich will? antwortete der Köter -ein wenig gelassen, ich will Euch . (pardon), ich will fressen. Vielleicht findet Ihr in Eurem Sack •ein Stück Brot für mich. — Du bist ein Wolf und willst Brot haben? Will mal sehen, wer Du eigentlich bist, sagte der Alte schmunzelnd, und dabei schwang er seinen Stock hoch. Wie Rjabtschik den Stock erblickte, erinnerte er sich, •dass er ein Hund sei und fing an zu lauten, dass die Erde unter ihm bebte, so weit, bis der Wald weit hinter ihm lag, und die Mauern der Stadt schon immer sichtbarer wurden. IX. In der Stadt suchte er zunächst den Ort stuf, an dem er seine besten Jahre verlebt hatte, •obwohl es ihn mehr zu dem Hofe hinzog, auf dem er so viele Schläge bekommen, wo man ihm das Bein gebrochen und den Rücken verbrüht hatte. Dann lief er auf den Markt zu den Fleischbänken,: wo er seine Genossen, die Schlächterhunde zu treffen hoffte. Willkommen! Woher des Weges? begrüssten sie ihn denn. (Sie wollten sich eben ein bischen ausruhen.) — Ein Landsmann bin ich von Euch, habt Ihr mich denn nicht erkannt, ich bin ia Rjabtschik. Riabtschik? Der Name kommt uns so bekannt vor. Und sie thaten so, als ob sie sich ihres Genossen nur dunkel erinnerten. Was hast Du denn da für ein Zeichen auf dem Rücken? fragte Susek, ein kleiner Köter, indem er dreist, ja unverschämt vorihm hersprang. — Wahrscheinlich, dass man ihn mit anderenHunden nicht verwechseln soll und um ihn immer zu erkennen, vielleicht auch nur Schönheits halber . . . ruft Susek, der sich durch sein weisses Fell auszeichnet, spottend. Ich bin ein Wappenkenner, meint Syrko, ein alter, grauer Hund mit einem Auge und einem Ohr, was die Zeichen bedeuten sollen, kann ich Euch genau sagen. Dies Zeichen z. B. hat er in Streitigkeiten mit anderen Hunden, mit einer ganzen Meute bekommen. — Die Kerle können das Maul nicht halten, rief ein schwarzer, schwanzloser Hund, lasst doch den Rjabtschik selbst sprechen, wir wollen doch hören, was der uns erzählt. Rjabtschik nahm nun Platz und berichtete seine Lebensgeschichte von A bis Z. Die Hunde hörten gespannt zu; aber Rudeck, der rote, der ein Spötter war, fiel ihm immer wieder ins Wort. „Willst Du die Schnauze halten!" redete ihn der schwarze Wedellose an. Erzähle nur, werter Rjabtschik. wir haben es ganz gern, wenn man uns Geschichtchen erzählt! Und Rjabtschik setzte seine Erzählung mit trauriger Stimme fort: aber es hörte ihm keiner mehr zu. Rudeck scherzte mit Syrko spöttelnd und machte Bemerkungen über die Persönlichkeit Rjabtschik's. Schuck war mittlerweile eingeschlafen und schnarchte wie ein Regiment Soldaten; nur ab und zu schlägt er die Augen wieder auf und sagt: Erzähle nur weiter, Rjabtschik, wir haben es ganz gern, wenn man uns Geschichtchen erzählt. ... In aller Frühe war Rjabtschik aufgewacht. — Nun sah er von weitem den Schlächtern zu, wie sie das Fleisch hackten, bis ihm das Wasser im Munde zusammen lief, wie er all die schönen Happen sah. Die Schlächter warfen allemal von Zeit zu Zeit ein Stückchen Haut oder Knochen den Hunden zu, die gierig danach sprangen. Rjabtschik wunderte sich dabei, wie klug doch die Hunde sind, dass sie immer gerade dorthin springen, wo ein Stückchen Fleisch hinfällt. Aber am Boden bleibt kein Knöchel liegen; der wird gar schnell gepackt, in eine Ecke getragen und dort mit aller Hundeseelenruhe verzehrt. Auch Rjabtschik hatte einen Knochen erhascht. Und wie er sich über ihn hermachte, blickt er auf seine Genossen,

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