Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1902-12-01 · Heft 12 (Dezember 1902) · p. Seite 837 - 838

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 12 (Dezember 1902)
Article
Rjabtschik
Date
1902-12-01
Page
Seite 837 - 838 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2583875-2583890-2583903-2586436--02342-2586506
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

837 Scholem Aleichem: Rjabtschik, 838 Abel. (Aus der Galleric Pitti, Florenz.) fände. Allein wohin er kam, überall hatten seine Stammesgenossen schon alles in Besitz genommen. Lasst mich mit Euch frühstücken! bat Rjabtschik. — Hier?! Nee, mein Lieber, vielleicht auf einem anderen Hof! So lief denn Rjabtschik auf die verschiedenen Höfe; aber all'enthalben dasselbe Lied, bis er endlich beschloss, nicht mehr aut eine Einladung zu warten, sondern dem ersten besten Hund einen Bissen aus dem Maul zu reissen. Und so that er auch; aber dabei war es ihm auch schlimm ergangen. Erst guckten ihm die Stammesgenossen nur grimmig von der Seite an, knurrten und fletschten mit den Zähnen. Bald jedoch drangen sie auf ihn, rissen und bissen ihn ganz erbärmlich und jagten ihn aus dem Dorf, weit bis hinter den Schlagbaum. VII. Mit eingezogenem Schwanz lief Rjabtschik dem nächstliegenden Weiler zu; auch hier wurde er ganz gut empfangen. Als sie aber seine Absichten auf den Futtereimer merkten, da fingen die Hunde an, ihn grimmig anzusehen und rissen und bissen ihn, bis sie ihm schliesslich aus dem Dorfe, verjagten. Konnte ihm dieses schlechte Leben behagen? Er war nun endlich satt der ewigen Wanderschaft und wollte seine Ruhe haben. Deshalb dachte er bei sich: Die Menschen sind schlecht. Die Hunde sind schlecht. So werde ich es einmal mit den Tieren im Walde versuchen. Und Rjabtschik machte sich auf den Weg zum Walde. Drei Tage war er schon umher gelaufen, und Hunger und Durst quälten ihn erbarmungslos, dass er seinen Magen und Darm zusammenschrumpfen fühlte. So streckte er sich dann auf die Erde aus, um den Tod zu erwarten. Aber die Lust zum Leben kam wieder über ihn. Er zog seinen Schwanz ein, streckte die Vorderpfoten aus, und seine lange Zunge hing ihn wie ein trockener Lappen aus dem Maule.. Er sann: Wie bekommt man ein Stückchen Brot? Wo ist ein Stück Fleisch zu haben, wenigstens ein Knochen und ein Tropfen Wasser? Und vor lauter Not begann er zu philosophieren, warum ein Hund wie er mehr auf der Welt leiden müsse, als alle übrigen Geschöpfe. Warum hat der Vogel sein Nest? Warum findet die Eidechse ihre Höhle? Da summt ein Käfer, da kriecht ein Würmlein, da läuft eine Ameise! Alle haben sie ein Heim, und ihre Nahrung; und ich armer Hund, habe nichts und muss immer bellen: wau, wau! Wer bellt da im Walde? ruft plötzlich der Wolf, dem die blutgierige Zunge aus dem Halse heraushing. Rjabtschik hatte noch nie in seinem Leben einen Wolf gesehen. Da er einen Stammesgenossen vor sich zu haben glaubte, richtete er sich gemächlich auf und trat langsam, sehr langsam an ihm heran. „Wer bist Du?" fragte ihn der Wolf gravitätisch. Wie heisst Du? * Woher kommst Du? Was willst Du?" Rjabtschik war höchst erfreut, hier einen guten Freund gefunden zu haben. Nun hatte er wenigstens jemanden, dem er sein Ldd klagen, vor dem er sein gequältes Herz ausschütten kann. Und er jammerte dem Wolt viel vor. ich will Dir die Wahrheit sagen, so schloss Rjabtschik seine Klage, ich wäre glücklich, wenn ich jetzt einem Löwen oder Bären oder einem Wolf begegnete. — Was wäre denn da? fragte der Wolf, heimtückisch schmunzelnd. Wenn ich doch einmal sterben soll, antwortete der Hund, so soll mich lieber ein Wolt auffressen, als dass ich erbarmungslos durch meine Stammesgenossen ausgehungert krepieren soll. Da sprach der Wolf, sich brüstend und mit den Zähnen fletschend, also: Gewiss, ich habe nicht kleine Lust, Dich in Stücke zu reissen und Dich zum Frühstück zu verzehren, zumal ich schon acht Tage nichts mehr gegessen habe und hungrig bin. . . Wie Rjabtschik das hörte, da fiel ihm ein Schrecken in die Glieder, dass alles, 'sogar die verbrühte Haut ihm bebte. Herr und König! flehte ihm Rjabschik weinend und flehend an, möge Gott Dir ein besseres Frühstück zuschicken. Von mir hast Du wenig, ich bin ja nur Haut und Knochen, erbarme Dich meiner

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.