Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1902)
- Article
- Rjabtschik
- Date
- 1902-12-01
- Page
- Seite 835 - 836 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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835 Scholen) Aleichem: Rjabtschik. 836 so dass er sich eine Stunde lang belecken musste, um wieder rein zu werden. Wenn sie die Kühe melkte, warf sie ihm einen Holzscheit als Gruss an die Beine; sie that ihm aber nicht weh, denn Rjabtschik hatte sich mit der .Zeit im Springen sehr geübt, so dass er geschickt zur Seite hopste, wenn das Scheit angeflogen kam. Einmal war es ihm freilich schlimm ergangen. Paraschka hatte nämlich sein rechtes Vorderbein getroffen. Rjabtschik erhob ein klägliches Gewinsel, so dass alle Hausbewohner zusammenliefen. Als er soviel Menschen um sich sah, zeigte er ihnen, um ihr Mitleid zu erwecken, sein gebrochenes Bein, als wollte er sagen: ..Seht, das hat mir Paraschka gethan". Er dachte, man würde sich seiner erbarmen und Paraschka für diese Missethat mindestens köpfen. Aber die Leute brachen in ein Gelächter aus. Die schnurrbärtige Brajne kam mit einem Kochlöffel herbeigestürmt, und nachdeijp: sie sich mi^t dem nackten Ellbogen von unten nach oben über die Nase gefahren war, rief sie triumphierend: „Ein Bein hat man dein Vieh gebrochen? Das freut mich!" Natürlich hatten sich auch bald die Gassenbuben eingefunden, die höllisch pfiffen und schrieen, um den armen Rjabtschik zu ärgern. Zu seinem Unglück kam wieder Paraschka hinzu, die Uebelthäterin, und begoss ihn noch überdies mit einem Topf kochenden Wassers. Da erhob der Hund ein klägliches Geheul und winselte, dass es einem durch Mark und Bein ging. Vor Schmerzen sprang er in die Höhe und wälzte sich hin und her, biss sich in den Schwanz und heulte jämmerlich. Aber die Leute um ihn freuten sich; und als man ihn so hinken sah, machte man sich noch mehr über ihn lustig und gab ihm noch ein paar tüchtige Hiebe hinzu. Jammernd lief Rjabtschik davon. Aber die Buben hinter ihm her, pfeifend und schreiend, bis sie ihn weit hinter die Stadt, bis an die Mühle getrieben hatten. V. Während Rjabtschik so forthinkte, schwur er bei sich, nie wieder in die Stadt zurückzukehren. Er lief ohne Ziel, bis er nach einiger Zeit in ein Dorf kam. Hier trat er die Dorfhunde, die ihn zunächst als einen Fremdling von allen Seiten beschnüffelten. Willkommen, Kollege! Woher des Wegs? . . Was hast Du denn da für ein Wappen auf deinem Rücken, das sieht ja aus, als ob man dir von deinem Fell ein Stück gerade aus der Mitte abgebrüht hätte. — Ach, fragt lieber nicht, antwortete Rjabtschik traurig, ich könnte euch viel erzählen, aber sagt, habt ihr vielleicht eine Schlafstelle für mich in dieser Nacht? — Natürlich, riefen die Dorfhunde, der Hof ist gross genug, und die Welt ist noch viel grösser. — Wie steht es bei Euch, erkundigte sich Rjabtschik weiter, mit der Nahrung? Wie stillt ihr Euren Hunger, wenn der Magen knurrt? — Ach, lass uns in Ruh mit solchen Fragen, erwiderten die Dorfhunde, Wasser giebt's überall, und zum Fleisch hat Gott ja die Knochen gegeben: Die Leute kümmern sich doch wenig darum, ob wir mit Haut und Knochen zufrieden sind, wenn sie nur selbst schmackhaftes Fleisch gemessen. Nun, wie sind denn eigentlich dievLeute bei Euch? fragte Rjabtschik, als wollte er den Dingen auf den Grund gehen. — Leute bleiben Leute! antworteten die Dorfhunde, und sie sprachen es so abwehrend, als wollten sie dem Gespräch ein Ende machen. — Nun und Paraschka? fragte Rjabtschik weiter. — Welche Paraschka? riefen die Dorfhunde verwundert. — Na, die Paraschka, die die Wäsche wäscht, die Stube weisst, die Kühe melkt. Kennt Ihr die nicht? (Da starrenihn die Dorfhunde an, als wäre er verrückt.) — Was redet der von einer Paraschka, der Dummkopf! Sie beschnüffelten ihn noch einmal von allen Seiten und entfernten sich einer nach dem andern. Jeder nach seinem Misthaufen. VI. . Das sind glückliche Hunde, denkt er, und streckt sich der Länge nach auf Gottes grüner Erde unter freiem Himmel aus, um ein wenig zu schlummern. Doch er kann nicht schlafen, das verbrühte Fell thut ihm weh, dann stören ihn die vielen Fliegen, die er gar nicht los werden kann — und wie ihm der Magen knurrt! Wie gern hätte er jetzt etwas gefressen, aber er muss nun bis zum frühen Morgen warten. Schliesslich lassen ihn auch allerhand dunkle Gedanken nicht zur Ruhe kommen, Gedanken, die das Gespräch mit den Dorfhunden in ihm geweckt! Bei,ihnen giebt es keine Schlächter, die Gänse schlachten, keine Aisike, die ihn einklemmen und noch dazu mit einem Stocke bearbeiten, keine Paraschkas, die ihn mit heissem Wasser begiessen, keine neckenden Gassenbuben, die mit Steinen werfen. Es giebt doch noch beneidenswerte Glückliche auf Erden! Und ich dachte, es gäbe doch nur eine Welt bei uns daheim. Ein Wurm liegt im Meerrettig und denkt, es giebt nichts Süsseres aut der Welt. . . . Schliesslich überwältigte Rjabtschik doch der Schlaf, und er träumte einen süssen Traum. Er träumte von einem grossen' Eimer der mit den Schönheiten dieser Welt vollgefüllt ist. Brotkrumen, Gedärm, Adern, Schalen, Knochen, Fischgräten und eine Menge grosser, noch nicht ausgesogener Heringsköpfe. Er weiss gar nicht, mit welchem Leckerbissen er zuerst anfangen soll... Grüss Gott! rufen ihm die Dorfhunde aus der Ferne zu, neugierig verfolgend, wie er sich über das Mahl hermachen würde. Esst mit! ladet sie Rjabtschik unvorsichtigerweise ein. — Möge es Dir gut bekommen! wünschen ihm die offenbar satten Hunde freundlichst. Da plötzlich hört er ganz nahe ein lautes „Aisik", er reisst die Augen aut und siehe, es war alles nur Traum. Schon in aller Frühe machte sich Rjabtschik auf den Weg. Vielleicht, dass er einen Knochen oder einen Zwieback aus dem vorigen Jahrhundert