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Ost und West · 1902-12-01 · Heft 12 (Dezember 1902) · p. Seite 809 - 810

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 12 (Dezember 1902)
Article
Die Schaffenden und das Judentum
Date
1902-12-01
Page
Seite 809 - 810 (sequence 2)
Language
German
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809 Hermann Münzer: Die Schaffenden und das Judentum. S10 W. STYOWSKI. Kunstverlag J^honix, ^Berlin JNW. 23. Jüdische Hochzeit in Galizien. die ihm keine so hohe künstlerische Befriedigung gewähren konnten, als die neugewonnenen. Als Schöpfer neuer Erfahrungen, besonders wenn sie revolutionärer Natur sind, wird er oft in die Lage versetzt, sein Schaffen und Wirken wenn nicht immer als direkten Gegensatz, so doch als eine wesentliche Abweichung von den hergebrachten Schaffensarten und Richtungen anzusehen. Auch wird er in seiner engeren und weiteren Umgebung diejenige Reaktion hervorrufen, die in solchen Fällen typischerweise sich einzustellen pflegt. Wenn nun diese um vollkommen neue Erfahrungskombinationen ringende Individualität aus dem Judentum hervorgegangen ist — so ist es nur selbstverständlich, dass ihr Schaffen, ja sogar ihre Existenz, sich gegen ein äusserst kompliziertes System von Bedrohungen zu behaupten hat. Denn oft stösst solch eine Persönlichkeit, wo sie als eine revolutionäre Erscheinung vielleicht sich durchsetzen und ein teilweises Entgegenkommen erkämpfen könnte, — auf Antipathieen, die nicht ihren Leistungen eventuell ihren Missgriffen und Irrtümern, sondern dem Juden in ihr" gelten. Diese Antipathieen könnten dem jüdischen Schaffenden nur ein lebhaftes Verständnis und eine thätige Anteilnahme an seiner Produktion und an seinen Idealen seitens der eigenen Stammesgenossen wettmachen. Tritt diece Dokumentation der Ideen- und EmpfindungsVerwandtschaft nicht ein, so kann der jüdische Künstler oder Forscher seinen Stammesgenossen gegenüber sich ebenso fremd fühlen, wie der breiten Masse von Angehörigen anderer Volksgemeinschaften. Zu diesem Gefühle der Fremdheit gesellt sich aber auch oft ein Widerwillen gegen alle eigenen Merkmale, die in aufdringlicher und hervorstechender Weise an die Angehörigkeit zu einem in seinen Stimmungen und Tendenzen durchaus anders gearteten Stamme gemahnen. Man muss sich eben vor Augen halten, dass der Schaffende seinem Schöpfungsideal oder der bereits hervorgebrachten Schöpfung mit einer Glut und Liebe hingegeben sein kann, die alle Verwandtschaftsbande, geschweige denn nationale Empfiodungen, in den Schatten stellt. Das trifft besonders dann zu, wenn der Erfinder und Gestalter neuer Erfahrungskomplexe bewusst weder aus der Vergangenheit noch aus dem gegenwärtigen Leben der Juden Anregungen oder Stoffe geschöpft hat. Er darf also mit einigem Rechte von sich sagen: dass er nichts vom Judentume genommen und ihm trotzdem vieles zu geben hat. Und ob das Judentum von ihm zu empfangen begehrt — entscheidet oft über sein Verhältnis zu seinen Stammesgenossen. Es ist dem Judentume anheimgestellt, das Grosse und Epochale, das einzelne hervorragende jüdische Individualitäten geschaffen haben, seiner nationalen Kultur nicht entgehen zu lassen; den Beweis, dass die bahnbrechenden Leistungen aus seinen ureigensten Bedürfnissen und Bestrebungen organisch erwachsen sind, kann es dadurch erbringen, dass es sein Geistes- und Gefühlssleben im Sinne der neuen Schöpfungen ergänzt und modifiziert. Könnte das in umfassender

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