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Ost und West · 1902-12-01 · Heft 12 (Dezember 1902) · p. Seite 811 - 812

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 12 (Dezember 1902)
Article
Die Schaffenden und das Judentum
Date
1902-12-01
Page
Seite 811 - 812 (sequence 3)
Language
German
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311 Hermann Münzer: Die Schaffenden und das Judentum. 812 Weise und mit allem, dem jüdischen Idealismus eigenen Feuereifer geschehen, könnten sich die besten Söhne des jüdischen Volkes ganz mit dem Inhalte erst im Entstehen begriffener Kulturbildungen erfüllen, dann müsste auch das Judentum als Gesamtheit eine bedeutend grössere Anziehungskraft, als bisher auf seine schöpferischen Elemente ausüben. Die vielfachen sozialen Beziehungen, die sich dann zwischen den ihrer Stammeseigentümlichkeiten nur wenig bewussten, ja sogar ihrer unfrohen Individuen und der übrigen Judenheit ausbilden würden, müssten das jüdische Kulturleben um neue Anregungen, Stimmungen, Tendenzen und Bedürfnisse bereichern und einen ungeahnten Aufschwung auf den kompliziertesten Schaffensgebieten bewirken. » * Das Judentum ist, wie überhaupt eine jede in abnorme Verhältnisse geratene Volksgemeinschaft, darauf angewiesen, durch die wagemutige Initiative seiner führenden Geister jener Aenderungen der Lebens- und Entwickelungsbedingungen teilhaftig zu werden, welche die von unzähligen Beschränkungen gehemmte und in Vorurteilen befangene Masse des Volkes aus eigener Kraft nie herbeizuführen im stände wäre. Durch eine eigentümliche, paradoxe Wendung des Schicksals ist es gerade den Juden, dem am meisten missachteten Kulturvölke der' Welt, bestimmt, ihren höchstentwickelten Stammesgenossen eine unübersehbare Fülle von Schaffensmöglichkeiten darzubieten- Kein anderes Volk ist in solchem Grade, wie die Juden, geeignet, Vorgänge und Revolutionen auf geistigen Gebieten zum Gegenstande intensiven persönlichen Erlebens zu machen. Diese charakteristische, ungemein seltene und wertvolle Eigenschaft, wekhe als Abnormität und Krankhaftigkeit zu verschreien in Europa sowohl bei Ariern, als auch bei arisch sich gebärdenden Juden Mode geworden ist — bildet eine sichere Gewähr, dass mit der Zeit, sobald in den neuen und imposanten Kulturschöpfungen der Juden der zukunftsfrohe, von den Nöten und Mühseligkeiten einer zersplitterten und fragmentarischen Existenz befreite Geist des Judentums erblühen wird —, dass dann auch die Offenbarer neuer Inhalte, neuer Werte und Schönheiten sich mit Zuversicht und Liebe vor allem an ihr eigenes Volk wenden werden. Die Vorstellung von der wachsenden, immer regeren Anteilnahme der breiten und so vielfältig nuancierten jüdischen Volksschichten an den persönlichsten Erwerbungen ihrer mutigsten Wegebahner, an den subtilsten Wünschen und Bestrebungen ihrer kultiviertesten Individuen ist dazu angethan, dem nationalen Optimismus die lichtvollsten und erhebendsten Ausblicke in die künftigen Gestaltungen des Judentums zu eröffnen. Die eigentümlichen und seltsamverschlungenen Erlebnisse und Gefühle der in fremde Kulturen verschlagenen, in den geheimen Tiefen ihrer Seelen doch schmerzhaft verwundeten und vereinsamten jüdischen Künstler und Denker könnten sich im Schosse des mit sich selbst versöhnten Volkes zu einer Welt voll berauschender Schönheitsgebilde und wundervoll verklärter Weisheit aus wachsen. Auch würde dem jüdischen Volke aus den Schicksalen, Irrwegen und Bedrängnissen seiner meistentwickelten Individuen eine tiefere Einsicht in sein eigenes Wesen und die ihm gemässesten Kulturziele aufgehen. BERLINER JUDENTAUFEN. Von Dr., N. Samt er. (Schluss) Moses Mendelssohn, den die Aufgeklärten wie einen Gott verehrten, war ein treuer Jude, aber er verstand es nicht, auch den Herzen seiner Kinder Liebe zum Judentum einzupflanzen. Henriette Herz meint, die Freigeister, welche in seinem Hause verkehrten, hätten die religiöse Denkweise der Kinder nicht günstig beeinflusst. Von den Nachkommen Mendelssohns lebt kein einziger mehr als Jude, und zwar hat die männliche Linie den Protestantismus, die weibliche den Katholizismus bevorzugt. Moses Mendelssohns Söhne Joseph und Abraham scheuten noch vor der Taufe zurück, der letztere änderte aber seinen Namen Mendelssohn in Bartholdy, vermutlich weil dieser nicht so jüdisch klingt. Sein Schwager Jacob Salomon Bartholdy, ein Diplomat in preussischen Diensten sind feiner Kunstkenner, war Christ geworden, wie er selbst gesteht, ohne Glauben und ohne Rücksicht auf seine strenggläubige Mutter, die ihm fluchte. Seine- Entschuldigung war: der Protestantismus sei für den Fortschritt (sollte heissen: für das Fortkommen) am förderlichsten. Er redete sogar seinem Schwager zu, seine Kinder ■ taufen zu lassen. Die Taufe sei eine Huldigung, die er dem Andenken seines Vaters (Moses Mendelssohns!) ' zolle, der, wenn er noch lebte, ebenso handeln würde. Von Abraham Mendelssohns Kindern hat sich besonders der geniale Tonkünstler Felix Mendelssohn-Bartholdy ausgezeichnet. Felix' Sohn Karl wurde ein namhafter Historiker, sein Vetter Georg Benjamin ein geachteter Geograph und Herausgeber der Werke seines Grossvaters Moses Mendelssohn. Felix' Schwester Fanny vermählte sich mit dem protestantischen Historienmaler Wilhelm

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