Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1902-12-01 · Heft 12 (Dezember 1902) · p. Seite 807 - 808

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 12 (Dezember 1902)
Article
Die Schaffenden und das Judentum
Date
1902-12-01
Page
Seite 807 - 808 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2583875-2583890-2583903-2586428--02312-2586491
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

S07 SOS DIE SCHAFFENDEN UND DAS JUDENTUM. Von Hermann Münz er* In jüngster Zeit ist dank dem Eingreifen künstlerischer und phantasiereicher Elemente in die jüdische Renaissancebewegung das Verhältnis des jüdischen Volkes zu seinen geistig und künstlerisch schöpferischen Individualitäten als ein hochbedeutsames nationales Problem erfasst und empfunden worden. Diejenigen, welche ein glühendes Sehnen erfüllt, das Judentum aus seiner gegenwärtigen Erniedrigung zu erlösen und einem anderen, seinen eigentümlichen Befähigungen entsprechenden Dasein zuzuführen, haben ihre Sehnsucht in vorahnendem Entzücken an der Vorstellung von einem glänzenden Aufschwünge jüdischen Kunstschaffens und jüdischer Geistesleistungen genährt und gekräftigt. Von der richtigen Erkenntnis ausgehend, dass die breite Masse des Volkes eingewurzelte kulturelle Errungenschaften wohl behüten und bewahren, keineswegs aber aus eigenem Antriebe neue Kulturwege betreten kann, richten sie nach überallhin ihre liebevolle Aufmerksamkeit, wo sie bedeutende jüdische Individualitäten an eigenen und neuen Schöpfungen gestalten oder auch nur nach höheren Kulturbildungen ringen sehen. Solche wachsame Ausschau weitet ihren Blick und lässt sie hoffen, dass es ihrer schmiegsamen und verständnisvollen Hingabe, ihrer ehrlichen und innigen Bekennerfreudigkeit gegenüber den Neu-Schöpfungen genialer Juden gelingen wird — die einzigen schönen und trostreichen Erscheinungen der Diasporazeit: die Werke der Juden und den Geist, der in ihnen waltet, dem jüdischen Volke zu bewahren. Indem sie sich aber die Aufgabe stellen, die schaffenden Juden und das Judentum in wechselseitige, tiefere Beziehungen zu bringen, eröffnet sich vor ihnen ein ausserordentlich kompliziertes Gebiet von psychologischen Problemen und vielseitigen Betätigungen, die ihre Arbeitsbedürfnisse im vollsten Maasse zu befriedigen geeignet sind. Da wohl kein modernen Ideen zugänglicher Jude zugeben wird, dass das Judentum auf seine bedeutendsten Individualitäten verzichten kann und darf — so wird unser Interesse hauptsächlich von der Frage geweckt, ob denn und in welchem Maasse die schaffende Individualität im Interesse ihres eigenen Schaffens auf das Judentum angewiesen ist. Wer dafür Augen hat, der merkt schon, dass diese Frage eine ganze Welt von ganz anderen Fragen in sich enthält, zu deren vollständiger Lösung nicht einmal die gesamte moderne Kultur bei dem gegenwärtigen Stande ihrer Erkenntnisse berufen ist. Daher wollen und müssen wir uns an dieser Stelle nur mit einigen allgemeinen Anregungen und Andeutungen begnügen. Also, welche Bedeutung hat das Judentum für den jüdischen Künstler, Forscher oder Staatsmann? Befinden sich die Lebensgeschicke, Ziele und Betätigungen jüdischer Schaffender in irgend welcher direkten und und nahen Abhängigkeit vom Heil und Unheil des jüdischen Volkes? Unter den gegenwärtigen Kulturumständen kann das Auftreten einer he vorragenden, aus Eigenem schöpfenden Begabung, sei es auf einem Kunstgebiete, sei es auch in der Wissenschaft — besonders wenn sie aufs praktische Leben nicht unmittelbar gerichtet ist — als ein seltener nGlücksfall", somit als ein zufälliges Ereignis angesehen werden. Man weiss ja doch, dass die moderne europäische Kultur auf die Förderung geistig und künstlerisch komplizierter Individuen nicht eingerichtet ist. Man könnte mit grosser Sicherheit annehmen, dass eine jede Menschengeneration den grössten Teil ihrer schöpferischen Talente verkümmern, ja nicht einmal zum Bewusstsein ihrer Kraft und Eigenart gelangen lässt. Was von den Abkömmlingen der meisten Rassen und Völker gilt, das trifft auch auf die Juden zu. Aber das Judentum hat es wie auf so vielen anderen Gebieten auch hinsichtlich seiner schöpferischen Elemente mit seltsam abstechenden Formen, Monstrositäten und Kulturrätseln zu thun. Durch seinen ungewöhnlichen, grauenhaft widerspruchsvollen Zustand vermag es zwar das tiefer angelegte jüdische Individuum der eigentümlichsten, absonderlichsten und erschütterndsten Erlebnisse teilhaftig werden zu lassen, und gewisse Saiten seines Inneren bis zum Springen straff anzuziehen — aber gar oft wird es von Schaffensdurstigen Naturen, wie eine lauernde Gefahr, wie eine Zwangsvorstellung von unvermeidlicher, grausiger Trübsal gefürchtet und gemieden. Es giebt vielleicht keinen einzigen hochstrebenden Juden, der nicht eine Zeit lang in seinem Leben qualvolle Kämpfe mit dem Antisemiten in der eigenen Brust auszutragen hätte. Es verlohnte sich der Mühe, der Frage einmal psychologisch näher zu rücken, weshalb denn manche in ihrer geistigen Anlage durchaus ideale Individuen, das Jüdische, das sie in sich vorfinden, mit Unwillen, ja oft sogar mit Abscheu, empfinden. Diesem Rätsel könnte man durch tieferes wissenschaftliches Eindringen in mannigfache Schaffens arten beikommen. Derjenige, welcher „neue Werte" schafft, — wie es in letzterer Zeit zu sagen üblich ist — muss auf einer gewissen Stufe seiner Entwickelung seine neugeschaffenen Ideen und Lebensanschauungen höher einschätzen, als irgend welche anderen Lebensinhalte,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.