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Ost und West · 1902-11-01 · Heft 11 (November 1902) · p. Seite 769 - 770

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 11 (November 1902)
Article
Der Rabbi
Date
1902-11-01
Page
Seite 769 - 770 (sequence 2)
Language
German
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769 ErnsJ Guggenheim: Der Rabbi. 770 da thut, was ich für Euch thue; ich glaube nicht, dass einer ist, der sich so dienen lässt, wie ihr dient; ich glaube nicht, dass ein Allmächtiger ist, der herabschaut auf Eure Scheusslichkeiten und nicht--- „Ludwig!" schrie jetzt der Vater, „Lästerer, schweig — — — " und der Kantor ballte die Fäuste: „Es ist ein Gott, und er weiss, warum er Dich nicht zerschmettert—" „Wir aber sind schwach," sagte jetzt weinend die Mutter, indem sie sich erhob und den bleichen Sohn zu sich an den Lehnstuhl führte. Lange sprach niemand ein Wort, bis der Vater begann : „Du warst aufgeregt und kennst Dich selbst noch nicht. Du kannst Deinen Gott nicht verloren haben, Du, mein Sohn, meiner Familie Sohn. Geh' mit Dir zu Rate, geh' nach Hause, dort wirst Du ihnfinden,und wenn Du ihn gefunden hast, wirst Du ihm wieder dienen, zu unserer und Deiner Ehre." „Und wenn Du ihn nicht findest," rief noch rasch der Bruder, „wenn Du ihn nicht findest, verdirbst Du uns auch — und mich, das darfst Du nicht!" „Geh1, mein Sohn," sagte ruhig die Mutter, E. M. LILIEN. (Aus „Lieder des Ghetto".) und küsste ihn auf die Stirn, „geh' und komm wieder und bring' mir meinen Sohn mit." „Ich komme wieder, in acht Tagen komme ich wieder," entgegnete der Rabbi und ging. II. Es war drei Tage später; der Rabbi war noch nicht aus seinem Zimmer gekommen. Umsonst hatte die Mutter nach ihm geschickt, — selbst zu gehen hatte ihr der Vater verboten. Denn der war böse, und der Kantor hat ihn nicht eben besänftigt. „Was sich der für Dinge in den Kopf setzt: er müsse allein sein, ganz'allein, er habe mit sich zu thun . . .!" „Das ist einfach verrückt," sagte der Kantor, „das soll man glauben!" Die Mutter aber weinte um ihn, wie um einen Schwerkranken, und schickte ihm Speise und Trank. „Doch oft war er gar seltsam" — erzählte das Mädchen, das ihm die Sachen reichte —, „gar seltsam und ganz anders, so wie er früher nie war; „ich muss es jetzt stehen lassen, was Sie senden, und darf es erst auftragen, wenn er danach verlangt. Da steht es denn oft zwei, drei Stunden und wird kalt, und oft, oft nimmt er NACH UNSEREN TAGEN.

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