Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 11 (November 1902)
- Article
- Der Rabbi
- Date
- 1902-11-01
- Page
- Seite 771 - 772 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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771 Ernst Guggenheim: Der Rabbi. 772 überhaupt nichts. Und wenn ich dann komme, um ihm zu sagen, dass er krank werde — ja, er sieht auch gar übel aus, bleich, und seine Augen liegen ganz tief, — wenn ich so komme und ihm dergleichen sage, dann braust er auf und wird ganz böse, wie er sonst nie war. Und einmal, denken Sie nur, einmal hat er so im Zorn sich ganz vergessen, und ist vom Stuhle aufgesprungen und hat gepredigt, als ob er auf der Kanzel stände, — doch nein, nicht wie auf der Kanzel, so seltsam hat er gepredigt, ich habe nichts davon verstanden; von einem Gärtner und von einer seltenen Pflanze. Die ist verdorben, und dann hat sie der Gärtner vernichtet. Aber er hat nicht gewusst von einem gesunden Spross, der in abgestorbenen Blättern versteckt war. Drum musste der Spross auch verderben." III. In dem engen, dunklen Zimmer sitzen Vater. Mutter und Sohn um den Holztisch. Dumpfe Befangenheit liegt in der Luft, Unbehagen und Furcht. Die alte messingne Oellampe flackert; sie wird bald ganz erlöschen. Aber niemand beachtet es. Alles schweigt; nur aus der Ecke am Fenster hört man ab und zu einen abgerissenen Laut. Dort schläft das kleine Kind; es ist bald vier Jahre alt. Man hat vergessen, es schlafen zu legen; es ist auf dem alten Holzsessel am Fenster eingeschlafen und schläft unruhig, und wenn es im Schlafe laut wird, meint man, es klage jemand. Aber das hört niemand. Es klagt im Zimmer. Jetzt leuchtet die Lampe auf und wirft ein grelles, rotes Licht auf die am Tische. Ganz oben sitzt der alte Vater; ein kurzer, grauer Bart umrahmt sein Gesicht, und auf der Stirn liegen Kummer und Sorgen. Vor ihm liegt eine runde, gestickte Hauskappe, wie man sie zum Gebet aufsetzt, und eine Schnupftabaksdose — ungeleert. Seine beiden Hände sind auf dem Tische und halten die Linke der Mutter. Die hat sich fest an ihn angeschmiegt. Sie hat ein feines, zartes Gesicht, und unter der kleinen Spitzenhaube glänzt ein schwarzer, glattgestrichener Scheitel. Beim Aufflackern des Lichtes sahen ihre verweinten Augen die Augen de$ Mannes. Doch die sind fest geschlossen. , Sie sucht weiter, dort, am anderen Ende des Tisches. ' ..... Aber jetzt schliessen sich auch ihre Augen, wie vor Schmerz und Angst,- und sie schmiegt sich noch näher an den Alten. Denn dort sitzt der Sohn, der Kantor, der Vater des Kindes. Sein Gesicht ist streng und ernst, er hat nichts von der Mutter, nichts von dem Weichen und Zarten. Plötzlich steht er auf; die Thür ist gegangen. Nach wenigen Minuten kommt er wieder; die Alten schauen auf. Er geht wieder an seinen Platz und sagt, noch stehend: „Das Mädchen von drüben, ... es glaubt, er kommt/' Dann setzt er sich und faltet die Hände: die Lippöii bewegen sich leise wie im Gebet. „. . . daian hoernes,". murmelt er die letzten Worte eines Gebetspruches, „bei einer schlimmen Nachricht." Vater und Mutter haben sich nur in die Augen geschaut, dann senkten sie wieder das Haupt, und die Hände fügten sich fester ineinander. Aber sie schweigen und bewegen auch nicht die Lippen. Es scheint, sie haben den frommen Spruch vergessen. Das ärgert den Sohn, denn er ist fromm, sehr fromm; drum ist er auch Kantor hier in der Stadt. Aher die Eltern sind auch fromm, und der Vater war auch Kantor, und der Grossvater und der Urgrossvater ... Doch er schweigt und sinnt und sinnt, denn so kann es nicht weiter gehen, das weiss er ganz genau; er weiss auch, dass der andere es so nicht lange mehr aushalten wird: etwas muss werden, und es wird bald. Amen —--- Das Licht war fast erloschen. Es liegt nur noch wie ein blauer Hauch auf dem Dochte. Aber niemand denkt, dem abzuhelfen; es scheint, als ob es so sein müsse, als ob das Licht selbst sich scheue, auf diesen schmerzzerquälten Gesichtern zu ruhen, als scheue es sich, den Unglücklichen ihr Unglück klar zu zeigen . . . „Er wird nicht kommen," sagt jetzt zögernd der Vater. Das war ein Wort, und die Stille ist doch nicht gebrochen; das Wort liegt in dem