Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 11 (November 1902)
- Article
- Der Rabbi
- Date
- 1902-11-01
- Page
- Seite 767 - 768 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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767 768 DER RABBI. Novelle von Ernst Guggenheim. I. Geehrter Herr, ich bin ein frommer Mann, und einer, der weiss, warum er fromm ist. Mir gilt mein Gott und meiner Eltern Gott, und ich kann nicht hören, wenn man den lästert. Ich höre vielleicht besser als viele und habe Ihre Predigten vielleicht besser verstanden als viele, vielleicht besser als Sie selbst. Es sind Kleinigkeiten, ein Satz oft, oft nur ein Wort. Aber die sagen viel — und haben Sie mir verraten. Sie haben Ihren Gott nicht mehr, den Gott unserer Väter; den Gott Ihrer Gemeinde haben Sie verloren, den Gott, dem Sie dienen sollen in unserem Namen. Hüten Sie sich und kämpfen Sie Ihren Kampf — aber seien Sie ehrlich. Einer aus der Gemeinde. Der Brief liegt in irgend einem Winkel der Studierstube, zerrissen, in tausend Fetzen. Aber im Kopfe des Rabbi Ludwig Levi steht er, Wort für Wort — Wort für Wort. Vor 10 Tagen ist er gekommen, und schon einmal war er gekommen, ein halbes Jahr ist seitdem wohl verstrichen. Ganz der gleiche Brief, Wort für Wort, wie er jetzt im Kopfe des Rabbi steht. Und er hat auch gekämpft, der Rabbi, wie es der Brief will — aber er hat nicht gesiegt. Langsam war es gekommen, das Bewusstsein seines Frevels, und der Mut, ihn zu gestehen — sich selbst zuerst zu gestehen. Doch jetzt ist er wiedergekommen, der Brief. Ganz derselbe Wie eine Mahnung ist er gekommen und wie eine Anklage. Er wusste nicht, woher. Jetzt darf er nicht länger mehr schweigen, das hat er eingesehen. Und es drängte ihn auch, zu bekennen. Aber es ist doch etwas ganz anderes, sich selbst richten und gerichtet werden. Das hat er auch eingesehen. - Zwei Tage lang ging er mit sich zu Rate, dann war er entschlossen; denn er ist ehrlich, und ehrlicher als alle die Frommen und Schleicher, ehrlicher als alle--nur der eine ausgenommen, der, von dem der Brief kam. O, vor dem hat er Respekt, so viel, dass er gar nicht wusste, wer das sein konnte, dieser „Eine aus der Gemeinde," den kannte er gar nicht, so viel Respekt konnte er vor keinem haben — denn er verachtet sie, fast alle. Zwei Tage lang; dann ging er nach Hause, zu den Eltern und dem Bruder, an einem Samstagnachmittag, nach dem Gottesdienst. Das war ein harter Tag, denn die Eltern sind fromm; aber vor allem der Bruder, der ältere. Der ist nämlich Kantor hier in der Stadt, seit der Vater den Dienst aufgegeben hat, und auch so ein Frommer, wie sie der Bruder am meisten hasst. Aber der Kantor hasst auch den Rabbi, denn •er ist sein Vorgesetzter und jünger, und die Mutter hat ihn lieb, viel lieber als ihn. Ja ja, dann ist er auch Rabbi, einer der studiert hat. Und warum hat er studiert? Ist er besser? Was kann er dafür, dass er der Jüngstgeborene ist, was der andere, dass die Eltern damals noch die Mittel nicht besassen? Doch ja, doch, dafür konnte er; er hat ja selbst auch mitgearbeitet, mit dem Vater. Aber er konnte doch nicht noch früher aui die Welt kommen, um sich selbst das Geld für seine Erziehung zu beschaffen! Noch früher!! Was wäre dann aus ihm geworden? Synagogendiener ---? D'rum hasste er ihn, und fast freute er sich als der Rabbi damals sagte, an dem Samstagnachmittag, nach dem Gottesdienst: „Vater, ich glaube ich habe Euren Gott nicht mehr." Und wie er das gesagt hat, wie im Theater; das konnte er schon nicht leiden, der Kantor. So war er auch immer, so hochhabend und stolz und pathetisch. Und jetzt, diese seltsamen Worte, langsam gesprochen, jedes besonders betont; und dabei eine Thräne im Auge! Es war nicht zum Ausstehen! Dann erklärte der Rabbi, wie er das meine, weil sie ihn alle so erstaunt ansehen, als verständen sie ihn nicht: „Ich glaube nicht," sagte er, „dass ein Gott ist, der alles lenkt nach seinem Willen; ich glaube nicht, dass ein Gott ist, der will, was ihr