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Ost und West · 1902-11-01 · Heft 11 (November 1902) · p. Seite 753 - 754

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 11 (November 1902)
Article
Eine Kulturgeschichte der Juden
Date
1902-11-01
Page
Seite 753 - 754 (sequence 2)
Language
German
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753 Dr. S. Bentfeld: Eine Kulturgeschichte der Juden. 754 E. M. LILIEN. „Sturm." (Verkleinerung aus „Lieder des Ghetto"., BERLIN. Bewegung in der Judenheit anbetrifft, so konnte sie nur dann der jüdischen Geschichte angehören, wenn sie eine Volksbewegung war. Was sich nicht das Volk zu eigen gemacht hat, konnte niemals auf eine dauernde Einwirkung rechnen. Man muss somit, um die jüdische Geschichte zu verstehen, das jüdische Volksleben erforschen, und gerade dies ist bisher arg vernachlässigt worden. Es giebt ganze Epochen in der jüdischen Geschichte, die uns infolge der bisher geltenden Methode der jüdischen Geschichtsschreibung nur durch einige bedeutende Männer bekannt sind. Das Volk verschwindet völlig, und wenn wir die Geschichte jener Zeit lesen, muss sich uns die Frage aufdrängen: Ja, was that das Volk bei dem allen? Es ist absurd, anzunehmen, dass es von jenen Kämpfen ujid Reibungen gar nicht berührt worden sei; aber ebenso lässt sich schwer glauben, dass sich das ganze Leben in jenen Kämpfen und Reibungen konzentriert hätte. Man nehme diese Dinge nicht so leicht, wie sie auf den ersten Blick scheinen möchten, denn gerade durch sie kommen wir zu einer richtigen Auffassung der Vorgänge. Wenn wir beispielsweise das Zeitalter Maimonides' historisch enorschen, gewinnen wir ein falsches Bild von dem damaligen Leben, wenn wir nur von den Kämpfen für und wider Maimonides wissen. Kennen wir hingegen das gesamte Volksieben jener Zeit, so sind jene Kämpfe nur eine Episode, und das Ganze erhält ein anderes Aussehen. Auch ohne diese wissenschaftliche Betrachtung muss es uns eigentümlich berühren, dass wir vom Volk nichts weiter wissen, als dass es oft sehr zu leiden hatte. Die jüdische Geschichte erzählt uns, wie oft Juden verfolgt und vertrieben wurden, wie oft welche gemartert und zu Tode gepeinigt wurden, aber wie sie in der langen, langen Zeit gelebt haben, erfahren wir keineswegs. Die jüdische Geschichte hat dadurch ein einseitiges Wesen erhalten, das wohl nicht allen zusagt. Gewiss, auch die Leiden sind sehr wichtig, und ihre Geschichte entbehrt nicht des weitgehenden Interesses. Aber schliesslich kann dieses negative Heldentum (denn die Juden haben sich selten gewehrt, vielmehr zeigten sie ihren staunenswerten Heldenmut im Ertragen der Leiden) nicht immer zum Gegenstand der Bewunderung gemacht werden. Und ausserdem

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