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Ost und West · 1902-11-01 · Heft 11 (November 1902) · p. Seite 751 - 752

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 11 (November 1902)
Article
Eine Kulturgeschichte der Juden
Date
1902-11-01
Page
Seite 751 - 752 (sequence 1)
Language
German
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751 752. EINE KULTURGESCHICHTE DER JUDEN. Von Dr. S. Bernfeld, Das neunzehnte Jahrhundert, das für die Judenheit so ereignisreich gewesen ist, hat uns auöh die erste Geschichte der Juden auf wissenschaftlicher Grundlage gebracht. Wer den Entwicklungsgang dieser Wissenschaft in der Judenheit kennt, weiss, dass dies Werk keineswegs mit dem ersten Wurf gelungen ist. Es sind ihm mehrere fehlgeratene Versuche vorangegangen, ehe die jüdische Geschichte ihre jetzige Form und Richtung erhalten hat. Massgebend für die jüdische Geschichtsschreibung ist seit mehreren Jahrzehnten das grosse Buch von Grätz, das sich trotz mancher Mängel dauernd seinen Platz erobert hat. Wohl sind im Laufe der Jahre verschiedene Ergänzungen und Berichtigungen erschienen; aber alle diese Monographien, deren Wert gar nicht in Abrede gestellt werden soll, haben das Gesamtbild in keinem Fall verändert. Die jüdische Geschichte ist jetzt, dreissig Jahre nach der Vollendung des Grätz'schen Buches, auf demselben Punkt, wo sie damals war. Es lässt sich nicht verkennen, dass nach dieser Richtung hin ein grosser Stillstand zu bemerken ist. So bedeutend dieses Geschichtswerk an sich auch ist — jedenfalls wird manstets daraufbauen müssen, wenn man etwas Neues schaffen will — kann man es doch nicht begreifen, dass die Geschichtsschreibung im jüdischen Volk seit drei Jahrzehnten zum Stillstand gelangt ist, zumal dieser Wissenschaft im allgemeinen während dieses Zeitraumes neue Bahnen eröffnet worden sind. Die modernen Kulturvölker erheben sich nach und nach zu der Wertschätzung des Volkes, was man als eine der bedeutendsten Errungenschaften unserer Zeit bezeichnen darf. Wir kommen immer mehr zu der Ueberzeugung, dass die Geschichte auf dem Volk beruht, und so bedeutend auch manche hervorragende Männer in verschiedenen Zeiten gewesen sind — nicht sie haben die Geschichte gemacht, sondern das Volk, dessen Führer und Vertreter sie waren. Von diesem Gesichtspunkt aus giebt man sich jetzt grosse Mühe, das Volk in seinem materiellen und geistigen Leben zu verstehen. Um die Geschichte in ihrer inneren Entwickelung zu begreifen, muss man das Volksleben erforschen und in seine Höhen und Tiefen dringen. Die politische Geschichte ist etwas rein Aeusserliches, und nur oberflächliche Naturen können in ihr eine ausreichende Erklärung für alle Vorgänge finden. Die Geschichte der Wissenschaften und der Litteratur bildet nur einen Teil der Kulturgeschichte, die alles umfasst, was ein Volk, seitdem es sein Volkstum ausgebildet, erlebt und geschaffen hat. Bei keinem Volke der Erde ist dieser Gesichtspunkt hinsichtlich seiner Geschichtsschreibung so berechtigt, wie gerade bei dem jüdischen. Man darf dies, ohne sich eine Uebertreibung zu schulden kommen zu lassen, als den Hauptcharakterzug des jüdischen Volkes bezeichnen,, dass sein geschichtlicher Werdegang nicht auf einzelne grosse Männer zurückzuführen ist, sondern auf das gesamte Volk. Es giebt kein bedeutsames Ereignis in der jüdischen Geschichte, an dem nicht die Gesamtheit teilgenommen hätter dessen Ursprung nicht im ganzen Volk läge. Mit Recht kennt, die jüdische Geschichte keine Heroen, da alles, was in der Judenheit je geschehen ist, nur durch das Volk und nicht durch einige grosse Männer hervorgebracht wurde. Sobald eine Epoche in der Judenheit eines grossen Mannes bedurfte, ging ein solcher hervor; aber man sah es seinem Thun an, das es im Volk wurzelte. Diese Betrachtung der Dinge führt uns dazu, die jüdische Geschichte von einem neuen Gesichtspunkte zu beurteilen, wobei man sich nur wundern muss, dass er nicht schon längst die Grundlage der Geschichtsschreibung im jüdischen Volke geworden ist. Unsere Geschichte ist naturgemäss teils politische Geschichte und teils Geistesgeschichte, d. h. die Geschichte der jüdischen Kulturentwickelung. Aber in beiden Teilen steht das jüdische Volk im Mittelpunkt der geschichtlichen Entwickelung. Von der politischen Geschichte braucht dies nicht erst bewiesen zu werden. Das Heroische im Judentum liegt eben im ganzen Volk. So oft es darauf ankam, für das Judentum zu kämpfen und zu leiden, stand das eigentliche Volk im Vordergrund des Kampfes. Ja, die Geschichte weiss zu erzählen, dass oft die Führerschaft sich als schwach und unzuverlässig erwies, während sich das Volk durch nichts, weder durch viele Verlockungen noch durch Drohungen, von seinem Festhalten am Judentum abbringen liess. Aber selbst was die geistige

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