Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 11 (November 1902)
- Article
- Eine Kulturgeschichte der Juden
- Date
- 1902-11-01
- Page
- Seite 755 - 756 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2583875-2583890-2583902-2586289--02229-2586373- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
755 Dr. S. Bentfeld: Eine Kulturgeschichte der Juden. 756 hat die Geschichte nicht nur diesen Zweck, uns Bewunderung für das jüdische,Volk einzuflössen. Dieses Volk, eines der Hauptmitarbeiter an der menschlichen Kultur, muss vor allem verstanden werden. > Es kann unmöglich angenommen werden, dass die jüdische Geschichtsschreibung nunmehr abgeschlossen vorliege. Bei allen Vorzügen des bisher Geschaffenen steht es fest, dass auch die jüdische Geschichte, wie jede wahre Wissenschaft, immer mehr zur Vollkommenheit strebenmuss, und diese Vollkommenheit liegt nach meiner Ueberzeugung für die jüdische Geschichte darin, dass sie zur Kulturgeschichte werden soll. Die Leistungen der früheren sind recht wertvoll, aber sie können ihre Ergänzung erst erfahren, wenn wir eine Geschichte des jüdischen Volkes im eigentlichen Sinne des Wortes schaffen. Glücklicherweise sind die Quellen dafür reichlich vorhanden, sie müssen üur erschlossen werden. Gerade weil das Judentum, wie ich oben ausgeführt habe, stets volkstümlich war, hat das ganze jüdische Schrifttum sehr viel vom Leben des jüdischen Volkes aufbewahrt. Ja, das Judentum als Religion und als nationale Erscheinung: ist ohne genaue Kenntnis des Volkslebens kaum verständlich. Wenn man mir vielleicht entgegenhalten möchte, dass es in diesem Falleunbegreiflich sei, wie die jüdische Geschichtsschreibung das so naheliegende unT berücksichtigt bei Seite gelassen habe, so muss ich darauf erwidern, dass man es nicht berücksichtigt hat, weil man es nicht berücksichtigen wollte. Man ging eben von einem falschen Standpunkte aus,. indem man das jüdische Volk in den wenigen Gelehrten, die jedes Zeitalter zierten, gesucht und gefunden zu haben glaubte. Aber von E. M. LILIEN. (Verkleinerung aus „Lieder des Ghetto".) diesem Irrtum wird man eben abkommen müssen. Jede volkreiche Stadt hat manches hervorragende Gebäude, das ihr zur Zierde gereicht. In Büchern, die für „Fremdenführer" bestimmt sind, werden hauptsächlich nur jene bedeutenden Bauten angeführt. Und doch wäre es durchaus falsch, wollte man sich die grosse Stadt nur aus solchen Gebäuden bestehend vorstellen, oder sie auch nur als das Wesentliche der Stadt bezeichnen. Eine grosse Stadt besteht aus der zahlreichen Bevölkerung und im Erwerbsleben des Volkes, nicht etwa aus den wenigen Vergnügungslokalen, die man gerne den Fremden zeigt. Und wer eine Stadt gründlich kennen lernen will, wird auch zuerst das Volk an seiner Arbeitsstätte aufsuchen und das Volksleben eingehend studieren. Wir haben ausser derpolitischen Geschichte der Juden eine Gelehrtengeschichte, eine Geschichte der jüdischen Litteratur, der jüdischen Eeligionsphilosophie, der jüdischen Geisteskämpfe u. s. w., aber wir haben noch keine Geschichte des jüdischen Volkes, d.h. keine jüdische Kulturgeschichte, die all diese Einzelheiten umfassen und doch noch mehr sein müsste. Wir entbehren eine geschichtliche Darstellung, in der das jüdische Volk vor allem wirkend und schaffend auftritt und die uns ausserdem das innere Leben der Juden zu allen Zeiten und in allen Landen frei wiederspiegelt. Uns fehlt deshalb noch die Psychologie der jüdischen Geschichte, ich möchte beinahe sagen, ihre Idee. Erst wenn wir diese haben werden, wird uns die .jüdische Geschichte, die wir bisher, nur äusserlich kannten, enthüllt. Eine Geschichte auf solcher Grundlage wird erst geschrieben werden müssen, und hoffentlich, wird sie recht bald geschrieben. „DIE THRAENE AUF DEM EISEN«