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Ost und West · 1902-11-01 · Heft 11 (November 1902) · p. Seite 747 - 748

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 11 (November 1902)
Article
M. Antokolski
Date
1902-11-01
Page
Seite 747 - 748 (sequence 5)
Language
German
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747 Elias. Günzburg: M. Antokolski. 748 suchen." Geradezu bewunderungswürdig sind jene eiserne Energie, jenes innerliche Feuer, die trotz der ungünstigsten Umstände mit solcher unglaublichen Kraft in ihm wirkten. Fast jedes Jahr schuf er eine neue, kolossale Statue, während er an Körper und Geist krank war. Die Lebensbedingungen, Sorgen, die fehlgeschlagenen Hoffnungen konnten seinen schöpferischen Geist nicht beeinflussen; in den schwersten Zeiten verlor er nicht den Mut. „i\uch das wird vergehen," war sein Lieblingsausspruch. „In schweren Stunden muss man Philosoph sein," tröstete er mich oft. Sein Lieblingssatz waren Spinoza's "Worie, die er auch seiner Statue dieses grossen Philosophen zu Grunde legte: „Ich gehe an der menschlichen Bosheit vorbei,- denn sie stört mich im Dienste der Gottesidee." Die Arbeit im. Atelier füllte so ganz sein Leben aus, dass er sich selten in der Gesellschaft zeigte; in Paris nahm man daher an, dass er aus Stolz die Gesellschaft meide. Obgleich er jedoch in der Fremde, weit von seinen russischen Freunden und Kameraden lebte, hing er doch in beständiger Liebe an den letzteren: „Mein Herz klopft vor hoher Freude, wenn ich nach Petersburg komme", sagte er zu mir. „Wie glücklich bist Du doch, dass Du in der Nähe guter, eroebener Freunde leben kannst. Was thun? Petersburg liebt mich nicht. Das hiesige Klima wirkt schlecht auf mich; ausserdem gilt der Prophet nichts in seinem Vaterlande. Kaum komme ich hier an, so beginnen schon die Anklagen gegen mich, die Verfolgungen. Mehrmals habe ich hier meine Arbeiten ausgestellt, verwandte darauf viel Kraft und viel Geld, doch jedesmal gaben sich die jetzigen „guten Patrioten" die grösste Mühe, mich hinauszubeissen, so dass ich krank und elend wieder Petersburg verliess." Ich gedenke da einer Begegnung, von der mir Antokolski einst erzählte. Einst traf er in Biarritz den Redakteur der in Petersburg verbreit etsten Zeitung. „Wie freue ich mich, Sie zu sehen!" sagte der Redakteur; „Sie sind hier unser Stolz, unser Ruhm!" „Sie halten mich für den Ruhm Russlands", erwidert Antokolski, „doch das stimmt nicht mit dem überein, was Ihre Zeitung über mich sagt: sie schimpft mich ja, wo sie nur kann." „Was thun?" rechtfertigt sich darauf der Vertreter der Presse, „das ist schon so unsere Gewohnheit: wir Russen müssen alles herunterzerren und beschimpfen. Und nicht etwa Sie allein, — dieses Schicksal trifft auch die Besten: auch Puschkin und Gogol haben wir seinerzeit beschimpft." Besonders komisch ist dabei der Umstand, dass diese Zeitung, die sich für die Stimme der öffentlichen Meinung hält, jetzt, nach dem Tode von Antokolski, in einer Abhandlung über die ihr verhassten Juden sich folgendermassen äussert: „Wenn bei uns ein solcher Jude wie Antokolsky auftritt, so erkennen wir ihn selbst an und verherrlichen ihn." Antokolski starb, voller Kraft, voller Hoffnungen auf die Zukunft "Eine Woche vor deinem'Tode sagte er mir: „Läss mich nur erst gesund werden, dann wirst Du sehen, was ich noch schaffen werde. Im Kopfe wimmelt es bei mir von Sujets. Zur Unzeit bin ich erkrankt! Mich quält der Gedanke, dass dort, im Atelier, unvollendete Arbeit steht". Er dachte nicht daran, er konnle es nicht fassen, dass seine Krankheit mächtiger sein konnte als sein innerliches Feuer, älter als sein junger, thätiger Geist. Als ich nach zwei Wochen das Atelier von Antokolski betrat, zuckte mein Herz schmerzlich zusammen, und Thränen standen mir in den Augen: es war, als sei er für kurze Zeit hinausgegangen; das Atelier voller Arbeit wartet auf ihn. Ueberall stehen Arbeiten, so dass man sich nur mit Mühe einen Weg zwischen ihnen bahnt; als ob die Arbeit ihn verdrängt habe, als ob für ihn kein Platz mehr da sei. Ein Zittern überlief meinen Körper, als ich die letzte Arbeit sah, über der er gedacht, gelitten hatte, bei der er gestorben war — die „Inquisition". Nach dreissigjähriger Zwischenzeit war er wieder zu ihr zurückgekehrt, doch zu spät: es war diesem genialen Werke nicht bestimmt, zu Ende geführt zu werden. Antokolski ist von vielen des Kosmopolitismus beschuldigt worden, doch das ist nicht wahr: sein schart ausgesprochener Individualismus vertrug nichts Indifferentes, nichts Unpersönliches. Er war und blieb Jude, er war und blieb Russe und war, so weit er es konnte, Europäer. Einige Umstände konnten ihn veranlassen, von dieser oder jener Grundstimmung abzuweichen, andre sich von ihr zu entfernen —, jedoch nur zeitweilig. So z. B. hörte er auch in Italien und in Paris bei seinen Arbeiten aus der russischen und allgemeinen Geschichte nicht auf, auch an seine jüdischen Sujets zu denken. Aus Italien schrieb er W. W. Slassow, dass ihn einige Erinnerungen aus dem jüdischen Leben quälten und dass er sie gern darstellen wollte. In Paris sprach er mir oft davon, wie er Moses und Deborah arbeiten wolle, und lange vor seinem Tode machte er Skizzen von Simson und vom Ewigen Juden. Die Ausführung dieser Arbeiten schob er jedoch stets auf, befriedigte aber sein Bedürfnis, im Geiste des Judentums zu schaffen, indem er einen Roman aus dem jüdischen Leben schrieb. Diese schriftliche Arbeit ging Hand in Hand mit seiner Arbeit im Atelier, und er verwandte für sie fast ebenso viel Mühe und Zeit, wie für die Skulptur. M. M. stammte selbst aus einer armen Familie und interessierte sich stets lebhaft für junge Juden, die Fähigkeiten zum Zeichnen oder zum Bilden an den Tag legten, wegen ihrer Armut aber nicht lernen konnten. Ueberhaupt beschäftigte ihn sehr die Frage über die künstlerische Bildung fähiger Juden. Im Jahre 1892 diktierte er mir darüber folgendes: „Das Glück und auch das Unglück der Juden besteht darin, dass ihre intellektuellen Fähigkeiten.

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