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Ost und West · 1902-11-01 · Heft 11 (November 1902) · p. Seite 749 - 750

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Journal
Ost und West
Volume
2 (1902)
Issue
Heft 11 (November 1902)
Article
M. Antokolski
Date
1902-11-01
Page
Seite 749 - 750 (sequence 6)
Language
German
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749 Elias Günzburg: M. Antokolski. 750 nur nach zwei Richtungen hin entwickelt worden sind: in Bezug auf das höhere Wissen und auf den Handel. Die übrigen Arten der Thätigkeit, an denen die Menschheit so reich ist, sind ihnen fremd geblieben (ich rede hier vom Faktum, nicht aber von der Ursache), In dieser Lage befindet sich auch heutzutage noch der ausländische Jude. Zwar ist seine Lage, mit wenigen Ausnahmen, günstiger als die unselige; das hängt aber eher von äusseren Ursachen als von inneren ab. Leider ist das politische Leben nicht unveränderlich, und bei der geringsten Veränderung kann diese Politik, wie uns die Geschichte lehrt, einen schweren Einfluss auf das Geschick der Juden ausüben. Doch es ist schwer, eine alte Eiche zu beugen; für uns sind eher die jungen Sprösslinge von Wichtigkeit, die eines regelmässigeren Wuchses bedürftig sind, um Leiden und Vorwürfen seitens der Geschichte vorzubeugen. Die Thätigkeit der russischen Juden ist mannigfaltiger: unter ihnen giebt es eine ganze Klasse, die aus Hunderten von Handwerkern besteht, die dem Reiche, dem Judentum und sich selbst viel grössere Dienste leisten können, als alle glauben. Bis jetzt jedoch bilden diese ehrlichen Arbeiter die niedrigste Gesellschaftsschicht, und zwar aus folgenden Gründen: die Handwerker in Russland überhaupt und unter den Juden im besonderen befinden sich in einer elenden Lage: ihre Mühe wird billig bezahlt; sie leben sehr ärmlich; deshalb geben Eltern ihie Kinder nur aus äusserster Armut zu Handwerkern, oder wegen Untaugiichkeit zu irgend etwas anderem. Wer jedoch einigermassen mit der ausländischen Industrie bekannt ist, der kann sich leicht davon überzeugen, dass dieser Zweig im Leben von ebenso grosser Bedeutung ist wie jeder andere. Er hat seine Geschichte, seine Litteratur; er erfordert nicht allein Muskelkraft, sondern auch Klugheit, Phantasie und Geschmack, und dieses alles bildet den Wohlstand und den Stolz Frankreichs und anderer Länder. Aus zwölfjähriger Erfahrung und Beobachtung kann M. Antokolski: Gruppe in Silber ausgeführt. (Geschenk der Petershurger Juden an Kaiser Nikolaus IL anlässlich seiner Krönung.) ich positiv behaupten, dass die Juden durchaus befähigt sind, in diesem Zweige einen Ehrenplatz einzunehmen. Ich behaupte sogar noch mehr: nur die edle, ehrliche Beschäftigung mit Handwerk kann die schwierige Judenfrage lösen. Erstens bereitet sie Arbeiter, die überall notwendig sind, zweitens giebt das Handwerk die Möglichkeit, überall selbständig zu leben, und endlich bilden gewissermassen die fünf Finger die Summe des Wohlstandes des Arbeiters, der sich dann bei jeder Verfolgung leichter anderswo ansiedeln kann. Welche Mittel aber anzuwenden sind, um in den Juden Liebe zum Handwerk zu wecken und um ihren Geschmack zu heben, das werde ich besprechen, wenn ich Anhänger finden werde; einstweilen kann ich nur sagen, dass es viel leichter zu bewerkstelligen ist, als man denkt." Obgleich Antok. beständig im Auslande lebte, hörte er dennoch nicht auf, alles russische und die Russen zu lieben, und nicht einer von den russischen Bildhauern hatso viel epische und historische Figuren in wahrhaft russischem Sinne geliefert, wie dieser jüdische Kosmopolit. Viele Kritiker der ganzen Welt haben schon eine Schätzung der Werke Antokolskis vorgenommen: eine solche steht auch noch bevor: es ist Sache der Geschichte, klarzulegen, was für einen Platz Antokolski in der Kunst einnimmt. Als Zeitgenosse und Schüler von Antokolski kann ich nur noch einiges aus seinem persönlichen Leben erzählen, da ich ihn über dreissig Jahre gut kannte. Dochnicht unserpersönliches gegenseitiges Verhältnis veranlasst mich, diese Zeilen zu schreiben; seit ich ihn verloren habe, .stellt er sich mir meist als Künstler dar, der aus unendlicher, fanatischer Liebe zur Kunst alle Freuden und Leiden des Lebens vergass. Er war einer der grössten Prototypen derjenigen, die sich im Namen der Liebe zu allem Schönen undGerechten mitMühe einen dornigen Pfad gebahnt haben. Er war ein grosser, treuer Sohn eines geduldigen und in Leiden abgehärteten Volkes. Lehrreich ist die Biographie dieses ungewöhnlichen Mannes, lehrreich sein Leben und ewig; sein And'enken!

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