Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 11 (November 1902)
- Article
- M. Antokolski
- Date
- 1902-11-01
- Page
- Seite 745 - 746 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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745 Elias Günzburg: M. Autokolski. 746 MARK ANTOKOLSKI. Schlaf. schöpferisches Talent aus; er fährt auch hier fort, in derselben Richtung zu arbeiten wie in Italien und in Russland. Sein „Spinoza" und „Mephistopheles" bilden gleichsam die Fortsetzung von ,,Sokrates", „Christus", und sein „Nestor" und „Jermak" — von „Iwan dem Grausamen" und „Peter". Die Franzosen erkannten in ihm •ein grosses Talent, zählten ihn aber der italienischen Schule bei; seine Gedanken, seine Gefühle, die er in seine Werke legte, fanden wenig Beachtung bei den Franzosen, die ihr ganzes Augenmerk auf Virtuosität richteten. „Die Franzosen fragen stets, wie das Werk ist, nicht aber, was es ist,'* sagte oft Antokolski. „Grazie und schöne Formen befriedigen sie vollkommen; Gedanken- Inhalt und Behandlung des Themas stehen bei ihnen im Hintergrunde." Doch den genialen französischen Geschmack und diese allgemeine Liebe zur Schönheit verehrte er. Seit jeher schätzte er die angewandten Künste (arts industriels) hoch, und in dieser Hinsicht begeisterte ihn Paris. Material für seine innere, •geistige Welt schöpfte er jedoch aus dem Altertum: die ersten Zeiten des Christentums, das Mittelalter, der Byzantismus entsprachen seiner Stimmung und seiner Weltanschauung. Er fiqg an, diese Epochen zu studieren. Er studierte das Mittelalter, die byzantinische Kunst und fing an, altertümliche Gegenstände zu sammeln. Bald wurde diese Liebe zu antiken Sachen in ihm zur Leidenschaft, und er wurde ein Sammler. „Aus ihnen schöpfe ich poetischen Geist; sie helfen mir bei meiner Arbeit," sagte er oftmals, wenn man ihm den Vorwurf machte, dass er für seine Sammlung viel Zeit und Geld verwende. Und in der That vertraten ihm diese altertümlichen Gegenstände Italien. Sie waren seine Lehrer, seine Freunde. Es ist deshalb leichtverständlich, warum in manchen seiner Werke der Einfluss alter Epochen zu sehen ist: seine „Märtyrerin", „Undine", „Auf dem. Kreuzwege", — alles dies ist von jener Mystik, von jener Stimmung durchdrungen, die uns von der Kunst des Mittelalters entgegenweht. Diese Zwietracht zwischen dem virtuosen Paris einerseits und seiner inneren Welt andererseits quälte ihn; er wurde gleichsam mit sich selbst uneinig: sein Körper gehörte Paris, seine Seele — Italien und Russland. In seinem Schaffen war er frei; in Paris jedoch musste er Bestellungen mehr Aufmerksamkeit widmen. Oft musste er gegen seinen Willen arbeiten und im Suchen nach Bestellungen zu Mitteln greifen, die mit seinen Lebensanschauungen nicht übereinstimmten. „Wie glücklich wäre ich," sagte er oft zu mir, „wenn ich in Italien geblieben wäre; dort lebt und arbeitet es sich besser, dort brauchte ich nicht so viel Bestellungen zu Hautrelief. M. ANTOKOLSKI. Mark Günzburg. ßasreliet.