Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 2 (1902)
- Issue
- Heft 11 (November 1902)
- Article
- M. Antokolski
- Date
- 1902-11-01
- Page
- Seite 743 - 744 (sequence 3)
- Language
- German
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743 Elias Günzbiug: M. Antokolski. 744 zu beeilen — er wird alle überrumpeln, er wird alle fangen, und nun geht er, ohne den Schritt zu beschleunigen, kalt und selbstzufrieden in das düstre Kellergewölbe zur lustigen Hetze. Diese Szene, dieser mannigfaltige Gesichtsausdruck, diese Volks- und Stämmestypen und Charaktere, diese verschiedenartigen seelischen Erregungen, bald hohe, bald niedrige, bald grossmütige, edle, bald nichtswürdige, kleinliche, — alles dieses liefert eine der grandiosesten Seiten der jüdischen Geschichte, eine Seite, die in vollkommen neuen Formen mittels der Kunst wiedergegeben worden ist, die im Laufe von Jahrhunderten feige und zurückgeblieben war, nun aber zum erstenmal kühn neue Wege betritt. Das jüdische Volk kann mit dem übrigen Europa stolz auf solch einen Künstler und solche Werke sein." Zu alle dem, was dieser tüchtige Kritiker sagt, könnte ich noch hinzufügen, dass der „Streit über den Talmud" als Skizze ausgeführt ist. Ich habe diese Skizze gesehen; Antokolski schenkte sie einem Bekannten, und Sjassow hat sie wohl nicht gesehen. Die Streitenden sitzen an einem Tisch am Fenster über einem grossen Buche; die Einrichtung des Zimmers, die abgetragenen Kleider, — alles dies zeichnet mit staunenswerter Wahrheitstreue das Leben dieser armen Leute, die all ihre Armut, all ihre Sorgen um das tägliche Brot vergessen und mit Ungestüm die Auslegung einer talmudischen These dem andern gegenüber aufrecht erhalten. Es liegt etwas Komisches, zu gleicher Zeit aber auch etwas Tieftragisches in dieser wahrheitsgetreuen, lebensvollen Szene. Diese Skizze, sowie die „Inquisition" bildet in Bezug auf Behandlung des Themas ein neues, originelles Wort in der Skulptur. Ausserdem sahich damals im Atelier von Antokolski auch noch andere jüdische Arbeiten: den Kopf ..Nathan der Weise", eine Studie zu derjenigen Hauptfigur der „Inquisition", von der W. Stassow in seiner Abhandlung sagt: „er allein erwartet mit ruhiger, majestätischer Würde die Feinde;" die akademische Skizze „Tobias" und Anderes. Mit „Iwan dem Grausamen" beginnt gleichsam eine neue Periode seiner schöpferischen Thätigkeit. Das Leben in Petersburg, die Gesellschaft guter russischer Freunde, die Nähe entwickelter, aufrichtiger Kameraden übte selbstverständlich einen grossen Einfluss auf sein eindrucksfähiges, tief individuelles Talent aus: er nahm bald den Geist russischen Lebens, russischer Geschichte in sich auf. Der psychologische Typus Iwans des Grausamen interessierte damals alle; Litteratur und Malerei behandelten oft diesen rätselhaften Zarentypus. Antokolski fasste jedoch seine Aufgabe durchaus eigenartig, tief auf. Sein Werk war ein neues Wort in der Kunst und hatte niedagewesenen Erfolg. Er erwarb sich mit einem Schlage einen Ruhm, dessen sich bis dahin noch kein Bildhauer in Russland rühmen konnte.-- Antokolski erkrankte und begab sich nach Italien; hier begann nun eine neue Periode seines Lebens. Einerseits umfing die italienische Kunst die eindrucksfähige, begabte Natur des Künstlers; andererseits übte die Gesellschaft der russischen Künstler und Schriftsteller, die zu jener Zeit in Rom lebten und einen engen Freundeskreis bildeten, einen grossen Einfluss auf ihn, auf die Entwickelung seines hervorragenden Geistes aus. Das erste, was er schuf, gleichsam die Fortsetzung „Iwans des Grausamen", war ein anderer Kaisertypus: der Gigant Peter. Bald darauf beginnt eine Reihe von Arbeiten aus der Geschichte der Menschheit im allgemeinen, wie „Sokrates", „Christus", „Johannes der Täufer" u. a. In all seinen Werken der italienischen Periode harmoniert vollkommenste Technik mit Gedankentiefe, doch ist auch der Einfluss der italienischen Romantik herauszufühlen. Selbst solche echt nationale Themen wie „Jaroslaw der Weise" und „Johann III" zeugen von eingehendem Studium fiorentinischer Kunst. Doch auch in Italien bleibt Antokolski sich selbst treu, gleicht er keinem andern. Sein eigenstes poetisches Gefühl spiegelt sich überall wieder, besonders stark aber im Grabdenkmal, das er der Fürstin Obolenski stellte. Acht Jahre lebte Antokolski in Italien. Diese Zeit war, nach seinen Briefen, seiner Stimmung zu urteilen die glücklichste Zeit seines Lebens. Das Leben in Italien, die damalige Gesellschaft der Russen war nach seinem Sinne. In späteren Jahren sprach er stets mit Begeisterung von jener Zeit und gedachte Italiens, wie man einer glücklichen, schönen Jugend gedenkt. Stets träumte er davon, dahin zurückzukehren. Das gelang ihm aber nicht: die Weltausstellung des Jahres 1878 gab seinem Leben eine andere Richtung: von einem stillen Leben, von seelischer Ruhe ging er zu einem stürmischen Leben voller Aufregungen und Sorgen über. „Johann der Grausame", „Christus", „Sokrates" und viele andere hatten auf der Weltausstellung grossen Erfolg gehabt: er erhielt die erste Prämie. Paris hatte ihn anerkannt, — nun war er von allen anerkannt. Dieser Ruhm verfehlte nicht seine Wirkung auf ihn; er blieb in Paris, obgleich der Lärm dieser Weltstadt, dieses unruhige Leben, ihm nicht nach dem Herzen war. Auch die französische Kunst selbst, ihr Geist, ihre Richtung fanden in seiner philosophischen, zur Romantik neigenden Seele keinen Anklang. Er fühlte sich hier fremd und oft gedrückt durch das Pariser Leben. Ein Jahr nach der Weltausstellung sagte er zu mir: „Mich zieht es zurück nach Italien: dort versteht man mich; dort lebt man still und ruhig. Hier ist dieser Lärm mir nicht nach dem Herzen." Dasselbe sagte er mir jedesmal, wenn wir uns in Paris sahen; aber die Familienverhältnisse erlaubten ihm nicht, nach Italien überzusiedeln. Paris übte nur geringen Einfluss auf sein